Exklusiv-Interview Richard Hinrichs

11. Juni 2023

Geprägt durch seine Eltern, die Schüler der Spanischen Hofreitschule Wien waren, führte Richard Hinrichs die Suche nach einer feinen Reiterei zu renommierten Ausbildern wie Werner Stemmwedel, Egon von Neindorff, Arthur Kottas-Heldenberg und vielen anderen reiterlichen Persönlichkeiten, die als Vorbilder wirkten. Heute ist Richard Hinrichs für viele Reiter und Reiterinnen ein Vorbild und ein Vertreter der barocken Reiterei. Wir haben uns mit ihm getroffen und ein paar Fragen gestellt:

Was hat Sie dazu veranlasst sich der klassisch barocken Reiterei zu widmen? Kam diese Passion erst im Laufe der Jahre?

Ich war sehr vielseitig interessiert. Meine Eltern waren schon geprägt durch die Spanische Hofreitschule in Wien und insofern habe ich dort einen guten Start bekommen. Mein Vater hat auf eine vielseitige Ausbildung geachtet, und so habe ich als Schüler schon bei Werner Stemmwedel im Springunterricht geritten, der nach dem zweiten Weltkrieg ein führender Springreiter und auch Universitätsreitlehrer in Göttingen war. Werner Stemmwedel hat mir sehr viel Spaß am Springen vermittelt. Während des Studiums in Wien durfte ich dann beim späteren ersten Oberbereiter Arthur Kottas-Heldenberg reiten. In Wien gab es auch eine Galopprennbahn, die es mir ermöglichte in den Rennsport reinzuschnuppern. Ein Highlight war das Reiten auf der Rennbahn.

Schon immer hatte mich der Zirkus fasziniert. Die Menschen im Zirkus müssen mit ihren Tieren viel erreichen, da sie diese nicht einfach ersetzen können.

Im Laufe meines Lebens habe ich immer wieder Anregungen bekommen und immer wieder das rausgefiltert, was ich für meine eigene Reiterei gebrauchen konnte. Und so geht es auch weiter. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, ich nehme immer noch Anregungen von außen auf.

In jeder Reitweise wird der Blick fokussiert auf die Aspekte, die besonders wichtig sind. Die Aspekte, die nicht so wichtig sind, bleiben an der Peripherie, nicht im Zentrum der Betrachtung. Und was an der Peripherie ist, das verschwimmt unter Umständen und hat dann keine Bedeutung mehr. Deshalb habe ich den Eindruck, ich kann bei Reitern jeder Reitweise etwas für mich mitnehmen.

So habe ich auch bei Fahrern viel gelernt. Das Training mit Trabrennpferden brachte immer wieder neue Aspekte. Sobald ich neue Aspekte sah, überprüfte ich meinen eigenen Standpunkt. Bei manchen Punkten blieb ich, andere veränderte ich.

 

Welche Lektion in der Reiterei würden Sie als Ihre Lieblingslektion betiteln? Welche reiten Sie besonders gerne?

Levaden. Levaden sind für mich ein Suchtmittel. Levaden gehören für mich, wenn sie gut gemacht sind – mit Perfektionsanspruch – zu den schwierigsten Lektionen. Das Pferd muss dafür aufgebaut werden. Natürlich ist es auch schön wenn es schon mal Talent für die Lektion hat. Das erleichtert vieles. Trotzdem muss man dann sehen, dass man das Tier körperlich und seelisch so formt, dass es die Lektion auch ausführen kann. Die Levade ist für mich ein instabiles Gleichgewicht und dieses Gleichgewicht kann ein unglaubliches Glücksgefühl vermitteln.

Welche Lektion bringen Sie denn gerne den Pferden bei?

Die Piaffe ist für mich von besonderer Bedeutung, denn sie ist für mich nach den Grundgangarten die wichtigste Lektion. Pferde, die gut piaffieren können, haben auch noch andere Spitzen. Es muss zwar nicht jedes Pferd, dass gut piaffiert, auch Erfolgsaussichten im Grand Prix haben, aber ich habe es nie erlebt, dass ein Pferd, das gut piaffiert, sonst in allen Bereichen ein Versager ist. Über die Piaffe kann ich mir viel erschließen und kann dann auch manche Schwächen der Pferde besser ausgleichen.

Sie haben in Ihrem Leben schon viele Pferde und Pferde und Reiterpaare ausgebildet. Viele Reiter sind der Meinung, dass es für jeden Reiter EIN Pferd gibt, zu welchem der Reiter eine ganz besondere Beziehung hat. Gab es in Ihrem Leben auch so EIN Pferd?

Es gab bei mir mehrere Pferde, die herausgeragt haben. Einmal mein LEBENSPFERD, Maestoso Gratia, ein Lippizaner-Kladruber Mischling. Er lebte bei uns in der Familie 30 Jahre lang und ist fast 34 Jahre geworden. Maestoso Gratia hat mich eine sehr lange Zeit begleitet und ich vermute, dass kein weiteres Pferd so lange bei mir sein wird. Wir waren gut aufeinander abgestimmt, es harmonierte sehr gut. Wir hatten ein partnerschaftliches Komplementärverhalten aufgebaut. Wenn ich den Eindruck hatte, dass Pferd war nervös, dann konnte ich es beruhigen und umgekehrt, wenn Maestoso Gratia den Eindruck hatte, ich war nervös, dann beruhigte er mich.

Mein Seelenpferd war der Kladruber Schimelhengst Favory Ravella. Er hat mich nie im Stich gelassen und ist für mich immer wieder an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gegangen. Philippe Karl, der sehr auf ein fehlerfreies Gebäude achtet, hat ihn im Stall gesehen und den Kopf geschüttelt. „Wie ist es möglich, dass das Pferd bei so einem Gebäude, so ausdrucksvoll geht?“ fragte er mich, und ich antwortete: „Der hatte einfach den Willen und die Freude an der Bewegung.“  
Favory Ravella war ein sehr bewegungsstarkes Pferd.

Das waren die beiden Pferde zu denen ich emotional die stärkste Bindung hatte.

Das dritte Pferd, das einen starken Eindruck hinterlassen hat, war die Shagy-Araber Stute Ola. Sie hatte den guten Charakter den man arabischen Pferden nachsagt, den sie aber leider nicht alle haben. Ein sehr tolles Pferd. Vom Gebäude her, vielleicht gar nicht so, denn wenn man sie im Stall angeschaut hat, hätte man in ihr kein Dressurpferd gesehen. Sie hat sich aber immer für mich eingesetzt und sich immer Mühe gegeben – das war unglaublich.

 

Was ist für sie der Unterschied zwischen der klassisch barocken Reitkunst und der FN-Reitweise?

In beiden Bereichen ist das Ziel: gutes Reiten. Der Weg ist unterschiedlich genau wie die Zwischenziele. Ich freue mich darüber, dass in den modernen Dressursport immer mehr barocke Elemente Einzug halten. Beispielsweise werden in einer Dressurprüfung der Klasse S jetzt Viertelpirouetten im Galopp verlangt. Oder auch die Aktion, die man sehen will, ist eine hoch-weite Aktion und keine flache Aktion mehr. Früher, infolge der Militärreiterei, wollte man Pferde sehen die flach gingen, damit sie lange Strecken möglichst kräfteschonend überwinden konnten. Die Pferde hatten dann in den Lektionen der Versammlung ihre Schwierigkeiten: in Piaffe, Passage und Pirouetten. Heutzutage ist es so, dass man die Zucht mit einem etwas anderen Zuchtziel betreibt: Mit einem verstärkten Talent für Lektionen der starken Versammlung – Piaffe und Passage.

Nachdem man einen bekannten Dressurausbilder aus den Niederlanden gefragt hat: „Was macht für Sie ein Dressurpferd aus?“, soll er geantwortet haben: „Ein hervorragendes Dressurpferd muss fünf hervorragende Grundgangarten haben: Schritt, Trab, Galopp, Piaffe und Passage.“ Das ist etwas, dass niemand vor 50 Jahren gesagt hätte. Ich freue mich darüber, dass barocke Elemente wieder in den Vordergrund kommen, genau wie die Freude an einem feinen Reiten. Ich denke, das spielt schon unter Tierschutzgesichtspunkten eine Rolle.

 

Sind Ihrer Meinung nach alle Pferde für die barocke Reitkunst geeignet?

Es kommt immer drauf an. Manche haben mehr und manche weniger Talent. Das Talent ist unterschiedlich ausgeprägt bei jedem Pferd. Teilweise ist das genetisch bedingt. Bei den deutschen Warmblütern gibt es Linien, die Talent für die Piaffe mitbringen. Donnerhall und Rubinstein zum Beispiel. Die Nachkommen haben sehr häufig ein Piaffe-Talent. Bei den Lipizzanern gibt es solche Linien auch. Die, die weniger talentiert sind, kann man unter Umständen durch das Verständnis für die Lektion fördern. Auch wenn sie kein Talent für die Lektion haben, können sie diese trotzdem lernen, wenn sie verstehen, was man von ihnen will. Das ist bei den Reitern genauso. Ich habe mich mit Bent Banderup vor gar nicht so langer Zeit darüber unterhalten, dass wir uns darüber freuen, wenn wir talentierte zweibeinige Schüler haben. Aber noch wichtiger als das Talent sind die „Passion and Patience“. Also die Leidenschaft und die Geduld, im Sinne von Durchhaltevermögen. Manche Reiter haben Talent und steigen kometenhaft auf, aber sobald die erste Schwierigkeit sich zeigt, geben manche von ihnen auf. Fleiß ist also wichtiger als Talent.

 

Wie sieht die typische Ausbildung eines jungen 3- oder 4-jährigen Pferdes bei Ihnen aus?

Im Grunde läuft das bei uns, so wie auch in der Spanischen Hofreitschule. Im ersten Jahr wird die Schubkraft hergestellt angepasst an die Talente des Pferdes. Im zweiten Jahr dann die Tragkraft. Die Grundausbildung umfasst somit 2 Jahre. Dann geht es weiter in die hohe Schule.

In der Regel wird erst gewichtslos gearbeitet bevor die Ausbildung unter dem Reiter fortgesetzt wird. Durch die Handarbeit hat man die Möglichkeit der Analyse, die man von oben nicht hat.

Es gibt jedoch auch Reiter, die so gut reiten, dass sie die Handarbeit am Pferd nicht brauchen. Und es gibt unter dem Reiter „verkorkste“ Pferde, die an der Hand korrigiert werden können.

 

Haben Sie noch einen Lebenstraum oder etwas, was Sie noch erreichen wollen?

Etwas, was ich noch nicht realisiert habe, ist ein gerittenes Tandem in möglichst allen Lektionen der hohen Schule. Also das Vorderpferd am langen Zügel vor dem gerittenen Pferd. Das ist etwas, was ich noch nicht erreicht habe. Zurzeit habe ich dafür auch noch nicht die Pferde, aber das ergibt sich ja vielleicht irgendwann einmal.

 

Das Team des Onlinemagazins Hofreitschule News bedankt sich bei Richard Hinrichs für das nette Gespräch und wünscht ihm, dass sein Traum noch in Erfüllung geht.

 

Das Interview führten Alina Thorwesten und Annika Koch

Burgwedel-Fuhrberg, 20.Mai 2023

 

 

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