
Egon von Neindorff / Quelle: „Archiv E. v. N.“.
Egon von Neindorff und das Vermächtnis der klassischen Reitkunst
3. November 2026
Egon von Neindorff (1923–2004) widmete sein Leben der klassischen Reitkunst und der Ausbildung von Pferden und Reitern. Mit seinem Reitinstitut in Karlsruhe schuf er einen Ort, an dem die überlieferten Grundsätze der europäischen Reitlehre gepflegt und weitergegeben wurden. Sein Anspruch war es, Pferde systematisch auszubilden und dabei Leichtigkeit, Durchlässigkeit und Harmonie in den Mittelpunkt zu stellen. Doch welche Bedeutung hat sein Lebenswerk heute? Wie wird seine Tradition fortgeführt, und was kann die moderne Pferdeausbildung von den Lehren der klassischen Reitkunst lernen?
Für unser Porträt über Egon von Neindorff haben wir mit Elisabeth Tippel gesprochen, die dem Vorstand der nach ihm benannten Stiftung angehört. Die Stiftung widmet sich der Bewahrung und Weitergabe der klassischen Reitkunst bis zur Hohen Schule. Im Interview geht es um das Lebenswerk des Reitmeisters, die Grundsätze seiner Ausbildung und die Frage, welche Bedeutung seine Lehren für die heutige Pferdeausbildung haben.
Elisabeth Tippel verbindet mit Egon von Neindorff nicht nur ihre heutige Tätigkeit für die Stiftung, sondern auch eine persönliche Ausbildungsgeschichte. 1977 kam sie im Alter von 15 Jahren an das Reitinstitut in Karlsruhe. Drei Jahre später ritt sie erstmals in der Lipizzaner-Quadrille mit. In dieser Zeit prägte von Neindorff ihre reiterliche Entwicklung entscheidend. Doch sein Einfluss reichte weit über das Reiten hinaus: Wie Tippel rückblickend betont, vermittelte er ihr eine ganzheitliche Erziehung, die auf Disziplin und Ehrlichkeit gegenüber Mensch und Pferd beruhte. Damit steht ihre Erfahrung beispielhaft für ein Verständnis von Reitkunst, bei dem nicht allein die Beherrschung anspruchsvoller Lektionen zählt, sondern ebenso die Haltung des Menschen und sein Umgang mit dem Pferd.
1. Egon von Neindorff und sein Lebenswerk
1. Egon von Neindorff gilt als einer der prägenden Vertreter der klassischen Reitkunst in Deutschland. Was macht sein Lebenswerk aus Ihrer Sicht bis heute so bedeutend?
Elisabeth Tippel: Egon von Neindorff setzte die reine Klassische Reitlehre kompromisslos um und hat sich selbst immer als „Diener“ der Klassischen Reitkunst verstanden. Das war auch der Grund für seinen Rückzug aus dem Turniersport, dessen profitorientierte Kommerzialisierung er stark kritisierte.
2. Welche Grundsätze seiner Reitlehre standen im Mittelpunkt seiner Arbeit, und was unterschied seinen Ausbildungsansatz von anderen Methoden?
Elisabeth Tippel: Im Mittelpunkt der Ausbildung stand und steht noch heute im Reitinstitut das Wohlbefinden des Pferdes. Das Pferd bestimmt die Zeit der Ausbildung: „Die Uhren im Reitinstitut gehen anders“ (Zitat E.v.N). Es gibt keine Abkürzung in der Skala der Ausbildung, oftmals muss man sogar einige Schritte zurückgehen, um dann schwierigere Lektionen erarbeiten zu können. Es werden mechanische Hilfsmittel wie Schlaufzügel oder scharfe Gebisse kategorisch abgelehnt. Nur das kandarenreife Pferd darf mit Kandare geritten werden und das auch nur von einem Reiter mit kandarenreifer Hand. Übrigens können alle gut ausgebildeten Pferde in allen schwierigen Lektionen bis zur Hohen Schule auf Trense geritten werden.
3. Gibt es bestimmte Ereignisse, Begegnungen oder Entwicklungen in seinem Leben, die besonders gut verdeutlichen, wofür Egon von Neindorff stand
Elisabeth Tippel: Egon von Neindorff liebte alle seine Pferde! Er widmete jedem einzelnen – unabhängig von Rasse oder naturgegebenen Fähigkeiten – seine volle Aufmerksamkeit und strebte danach, jedem Pferd gerecht zu werden, egal welche Vorgeschichte manche auch hatten.
2. Die klassische Reitkunst und ihre Grundlagen
4. Egon von Neindorff orientierte sich an der überlieferten europäischen Reitkunst. Welche Bedeutung hatten die alten Reitmeister und ihre Lehren für seine Arbeit?
Elisabeth Tippel: Die alten Reitmeister waren für Egon von Neindorff eine unumstößliche fachliche und moralische Instanz.
5. Begriffe wie Losgelassenheit, Durchlässigkeit, Selbsthaltung und Leichtigkeit spielen in der klassischen Reitkunst eine zentrale Rolle. Wie wurden diese Grundsätze in seinem Ausbildungskonzept verstanden und umgesetzt?
Elisabeth Tippel: Klassische Reitkunst bedeutet die lebenslange Gymastizierung des Pferdes gemäß seinen anatomischen, mentalen und psychischen Voraussetzungen. Nur der Reiter mit einem geschmeidigen zügelunabhängigen Sitz ist in der Lage, eine für das Pferd verständliche Hilfe zu erteilen.
6. Welche Rolle spielte die Hohe Schule in seiner Philosophie? Ging es ihm dabei vor allem um die Beherrschung anspruchsvoller Lektionen oder um ein tieferes Verständnis der Ausbildung von Pferd und Reiter?
Elisabeth Tippel: Egon von Neindorff unterschied streng zwischen Campagneschule, der Gebrauchsreiterei, und der Hohen Schule, das Zeigen von Lektionen mit hohem Schwierigkeitsgrad bis hin zu den Schulen über der Erde. Bei konsequenter Ausbildung kann jedes Pferd, sogar Pferde mit ungünstigem Exterieur oder traumatischen Erlebnissen diese höchste Ausbildungsstufe erlangen.
3. Was ist von seiner Arbeit geblieben?
7. Wie wird das Erbe Egon von Neindorffs heute durch die Stiftung beziehungsweise das Reitinstitut bewahrt und weitergegeben?
Elisabeth Tippel: Pferdewirtschaftsmeister Axel Schmidt ist Neinorff-Schüler und führt die Ausbildung von Reiter und Pferd im Geiste Egon von Neindorffs weiter.
8. Welche Ausbildungsangebote und Möglichkeiten gibt es heute für Reiterinnen und Reiter, die seine Grundsätze kennenlernen und sich intensiver mit der klassischen Reitkunst beschäftigen möchten?
Elisabeth Tippel: Das Kerngeschäft unserer Stiftung ist der Reitunterricht. Unsere Reitschüler haben die Möglichkeit, hochausgebildete Lehrpferde zu reiten und die schwierigsten Lektionen von unseren „vierbeinigen Professoren“ (Zitat E.v.N.) zu lernen.
9. Wie gelingt es, die überlieferten Prinzipien seiner Reitlehre zu bewahren und zugleich aktuelle Erkenntnisse über Pferdeverhalten, Biomechanik und Pferdewohl zu berücksichtigen?
Elisabeth Tippel: Die Klassische Reitlehre baut gerade auf diesen Begriffen auf, auch wenn sie ihnen vielleicht andere Namen gibt. Bei uns sind über 30-jährige Pferde, die noch gesund im Schulbetrieb eingesetzt werden können, keine Seltenheit. Das funktioniert nur, wenn das Pferdewohl einen ganz hohen Stellenwert einnimmt.
4. Klassische Reitkunst in der heutigen Zeit
10. Welche Bedeutung kann die klassische Reitkunst heute für eine pferdegerechte Ausbildung haben? Was können Reiter aus den überlieferten Lehren für ihre tägliche Arbeit mit dem Pferd mitnehmen?
Elisabeth Tippel: Zuerst wäre da der Sitz des Reiters zu nennen. Nur der aufrechtsitzende, geschmeidige Reiter mit einer leichten ruhigen Hand kann ein Pferd ausbilden, ohne es zu stören und in der Bewegung zu beeinträchtigen.
11. Woran lässt sich erkennen, dass ein Pferd nicht nur einzelne Lektionen beherrscht, sondern tatsächlich gymnastiziert, ausbalanciert und durchlässig ist?
Elisabeth Tippel: Bei uns wird jede Reitstunde mit Vorwärts-Abwärtsreiten begonnen und beendet. Dehnt sich das Pferd am langen Zügel, schwingt unter Beibehaltung des Tempos im Rücken, dann ist Durchlässigkeit erreicht, egal in welchem Ausbildungsstadium.
12. Welche Herausforderungen sehen Sie heute bei der Weitergabe der klassischen Reitkunst an jüngere Generationen? Wie lässt sich das Interesse an dieser anspruchsvollen Ausbildungstradition fördern?
Elisabeth Tippel: In unserer Stiftungssatzung ist die Jugendförderung fest verankert. Wir bieten jungen Menschen Reitunterricht zu moderaten Preisen an auf Pferden, die sie niemals sonst würden reiten können. Damit wird Interesse geweckt.
13. Was wünschen Sie sich für die Zukunft der klassischen Reitkunst und für die Arbeit der Stiftung?
Elisabeth Tippel: Ich wünsche mir für die Stiftung, dass die Stadt Karlsruhe ihre Kündigung zurücknimmt und wir in der denkmalsgeschützten Ehemaligen Telegraphenkaserne bleiben können. Des Weiteren wünsche ich mir gesunde Pferde und gute Reiter, so dass wir die bewährte Klassischen Reitkunst weiterleben können.

Elisabeth Tippel auf Maestoso Geaeta / Foto: Prof. Dr. Ulrich Schnitzer
5. Persönliche Erinnerungen
14. Haben Sie Egon von Neindorff persönlich erlebt oder sind Sie ihm im Laufe Ihrer Tätigkeit begegnet? Falls ja: Welche Erinnerung oder welcher Eindruck ist Ihnen besonders geblieben?
Elisabeth Tippel: Ich kam 1977 als 15 Jährige ins Reitininstitut und ritt mit 18 Jahren zum ersten Mal in der Lipizzaner-Quadrille mit. Egon von Neindorff hat nicht nur meine Reiterei geprägt, sondern eine ganzumfängliche Erziehung übermittelt, basierend auf Disziplin und Ehrlichkeit gegenüber Mensch und Pferd.
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