Sonja Weber mit dem 10-jährigen Lusitanohengst Magusto

Sonja Weber mit dem 10-jährigen Lusitanohengst Magusto in der Traversale. / Fotografin Sabine Grosser

Sonja Weber – Zwischen klassischer Reitkunst und Wissenschaft

10. Oktober 2026

Sonja Weber verbindet zwei Welten, die in der Pferdeausbildung nicht immer selbstverständlich zusammen gedacht werden: die über Jahrhunderte gewachsene klassische Reitkunst und die moderne wissenschaftliche Betrachtung des Pferdes. Genau diese Verbindung prägt ihre Arbeit als Ausbilderin, Autorin und Fachfilmerin.

Ihr Weg begann bereits früh. Als Kind saß Sonja Weber auf Ponys, später begeisterte sie sich für das Distanzreiten mit Arabern. Dabei entstand die Erkenntnis, dass ein Pferd auch für andere Aufgaben eine fundierte Dressurausbildung benötigt. Die Suche nach einer passenden Ausbildungsweise führte sie Anfang der 1990er-Jahre unter anderem nach Portugal und damit zur franco-iberischen Reittradition. Zu ihren Lehrern und prägenden Ausbildern zählen unter anderem Marc de Broissia, Philippe Karl, Anna-Katrin Müller und aktuell Eric Augereau.

Doch Weber wollte sich nicht allein auf überlieferte Lehrsätze verlassen. Ihr wissenschaftlicher Hintergrund wurde zu einem wichtigen Bestandteil ihrer Arbeit. 1996 schloss sie ihr Biologiestudium mit einer Diplomarbeit über Pferdeverhalten ab. Seit 1997 veröffentlicht sie Fachbeiträge über Pferdeausbildung und Pferdeverhalten in verschiedenen Pferdefachmagazinen.

Damit beschäftigt sie sich mit einer Frage, die für ihre gesamte Arbeit entscheidend ist: Wie kann Ausbildung so gestaltet werden, dass sie die Natur und die körperlichen Möglichkeiten des Pferdes respektiert?

Nicht Tradition gegen Wissenschaft – sondern beides zusammen

Gerade hier liegt eine Besonderheit in Webers Ansatz. Sie betrachtet die klassische Reitkunst nicht als starres System, dessen Aussagen einfach übernommen werden müssen. Gleichzeitig möchte sie die alten Lehren auch nicht durch moderne Trainingskonzepte ersetzen.

Stattdessen versucht sie, klassische Ausbildungsprinzipien kritisch zu überprüfen und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu verbinden. In ihrer eigenen Beschreibung steht deshalb die Gesunderhaltung des Pferdes durch Ausbildung im Mittelpunkt – von der Basis bis zur Hohen Schule.

Ein wichtiger Einfluss kam dabei später von Jean Luc Cornille und dessen Arbeit zu Biomechanik und wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Ausbildung von Pferden. Weber beschreibt diese Auseinandersetzung als eine Erweiterung ihres bisherigen Wissens.

Auch ihr akademischer Weg ging weiter: 2013 beschäftigte sie sich in ihrer Masterarbeit mit dem Thema Intuition. Zusätzlich verfügt sie über einen Master of Arts in Coaching, Supervision und Organisationsentwicklung. Damit bringt sie neben

biologischem und reiterlichem Fachwissen auch Kenntnisse aus den Bereichen Kommunikation, Coaching und Persönlichkeitsentwicklung in ihre Arbeit ein.

Von der Ausbildung zum eigenen Lehrsystem

Webers Tätigkeit beschränkt sich längst nicht auf Reitunterricht. Sie hat ihre Erfahrungen und Erkenntnisse in Büchern, Fachartikeln, Vorträgen und Filmen zusammengeführt.

2018 erschien gemeinsam mit Kerstin Diacont das Buch „Klassische Arbeit an der Hand – Für starke und gesunde Pferde“. Darin wird die Arbeit an der Hand nicht als isolierte Lektionensammlung verstanden, sondern als Bestandteil einer Ausbildung, die das Pferd kräftigen, tragfähig machen und langfristig gesund erhalten soll.

2019 folgte „Versammlung für gesunde Pferde und Reiten in Leichtigkeit“. Doch damit endete die Beschäftigung mit dem Thema keineswegs. Aus den Büchern entwickelte Weber eine umfangreiche Filmreihe, die Theorie und praktische Umsetzung miteinander verbindet. Die Reihe wurde zwischen 2020 und 2023 schrittweise vervollständigt.

Seit 2021 widmet sie sich außerdem im „Magusto-Projekt“ der Ausbildung eines jungen Lusitano-Hengstes. In zahlreichen Beiträgen wird dessen Entwicklung über mehrere Jahre dokumentiert. Es geht also nicht nur darum, fertige Lektionen zu zeigen, sondern einen Ausbildungsweg nachvollziehbar zu machen.

Seit 2025 ergänzt die Übungsreihe „Schritt für Schritt“ ihr digitales Angebot. Sie richtet sich an fortgeschrittene Reiter und soll dazu dienen, die Körperarbeit des Pferdes zu überprüfen und weiterzuentwickeln.

Ausbildung von Ausbildern

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Ausbildung von Trainern. Weber bietet eine dreijährige Trainerausbildung in Reiten in Leichtigkeit an. Dabei geht es nicht nur um das eigene Reiten, sondern auch darum, andere Menschen beim Lernen anzuleiten.

Zum Konzept gehören unter anderem Arbeit an der Hand, Longieren, freie Arbeit und Reiten, Fallanalysen, Jungpferdeausbildung und theoretische Grundlagen. Ein eigener Bestandteil ist das „Lehren lernen“: Die Teilnehmer unterrichten ihre eigenen Schüler und werden dabei begleitet.

Das passt zu ihrem Verständnis von Reitunterricht: Ein guter Ausbilder muss nicht nur wissen, was er von einem Pferd verlangt, sondern auch verstehen, warum eine Übung sinnvoll ist und wie sie individuell vermittelt werden kann.

Eine Autorin, die hinterfragt

Vielleicht ist genau das der interessanteste Aspekt an Sonja Webers Arbeit. Sie präsentiert ihre Methode nicht lediglich als Sammlung von Übungen. Immer wieder geht es um die Frage, was hinter einer Bewegung steckt – körperlich ebenso wie mental.

Ihr wissenschaftlicher Hintergrund führt dabei nicht dazu, die klassische Reitkunst abzulehnen. Im Gegenteil: Er wird zum Werkzeug, um traditionelle Vorstellungen genauer zu betrachten. Gleichzeitig bleibt die praktische Erfahrung mit Pferden ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit.

So entsteht ein Ansatz zwischen Tradition, Beobachtung, Wissenschaft und praktischer Erfahrung.

Für Reiter, die sich mit klassischer Reitkunst beschäftigen, ist Sonja Weber deshalb vor allem deshalb interessant, weil sie nicht bei der Frage stehen bleibt, welche Lektion ein Pferd ausführen soll. Sie stellt die weiterführende Frage: Was bewirkt diese Ausbildung im Pferd – und hilft sie ihm tatsächlich dabei, seinen Körper unter dem Reiter gesund und sinnvoll zu benutzen?

Genau diese Perspektive zieht sich durch ihre Bücher, Filme, Vorträge und ihre Ausbildung von Reitern und Trainern.

Sonja Weber steht damit für eine Reitweise, die Tradition nicht als Gegensatz zur Wissenschaft versteht, sondern beide miteinander ins Gespräch bringen möchte.

Quellen: (Sonja Weber Reitkunst) (Motorbuch Versand)

„Reiten ist eine unendlich lange Entdeckungsreise“

Im Gespräch mit Sonja Weber

Ihr Weg

Hofreitschule News: Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren intensiv mit Pferdeausbildung. Was hat Sie ursprünglich zur klassischen Reitkunst geführt – und was fasziniert Sie bis heute daran?

Sonja Weber: Die Gesunderhaltung meiner Araber im Distanzsport führte mich zur Dressur, die mich dann so faszinierte, dass ich sie ausführlich vertiefen wollte. Bis heute fasziniert mich, dass sie eine unendlich lange Entdeckungsreise ist, bei der es ständig darum geht, Antworten auf komplizierte Fragen und Anforderungen zu entwickeln.


Wissenschaft und Reitkunst

Hofreitschule News: Sie haben Biologie studiert und sich wissenschaftlich mit Pferdeverhalten beschäftigt. Wie hat dieses Wissen Ihren Blick auf das Pferd und seine Ausbildung verändert?

Sonja Weber: Ich habe ein umfangreiches Verständnis dafür, was das Pferd für ein Tier ist, wie es sich verhält und wie es wahrnimmt. Ich erlebe häufig, dass das selbst bei Pferdemenschen, die jahrzehntelange Erfahrungen haben, nicht automatisch gegeben ist.

Hofreitschule News: Sie verbinden klassische Reitkunst mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wo ergänzen sich diese beiden Welten besonders gut – und wo geraten sie möglicherweise auch aneinander?

Sonja Weber: Die Wissenschaft bestätigt viele empirische Beobachtungen und Anwendungen in der Reitkunst. Allerdings gibt es auch ursprüngliche Fehleinschätzungen – Beispiel: Die Passage wird beschrieben, als ein Trab mit besonders langer Schwebe. Aber in einer Zeitlupe kann man sehen, dass sich die Bodenkontaktzeit gegenüber dem normalen Trab erhöht und nicht die Schwebephase. Das ist auch Quelle des Ausdrucks in der Passage, weil sich das Pferd dann länger und besser abdrücken kann.

Meiner Meinung nach geraten sie dann aneinander, wenn die wissenschaftlichen Erkenntnisse entsprechend unterschiedlich interpretiert werden – beispielsweise werden viele Quellen, die für mein Verständnis Versammlung und Aufrichtung untermauern (Tensegritätsmodell oder Rotationen …), während andere darin Bestätigung finden, dass die Dehnungshaltung das einzig wahre gesunderhaltende Konzept ist. Dies leider meist von Leuten, die keine Erfahrung mit der reellen Versammlung vorweisen können.


Tradition und die alten Meister

Hofreitschule News: Gibt es einen Grundsatz der alten Meister, den die moderne Reiterwelt Ihrer Meinung nach unbedingt bewahren sollte?

Sonja Weber: Auf jeden Fall! Das Kultivieren der natürlichen Haltungs- und Bewegungsmuster und nicht deren Zerstörung.

Hofreitschule News: Gibt es umgekehrt traditionelle Vorstellungen in der Pferdeausbildung, die wir heute kritisch hinterfragen sollten?

Sonja Weber: Sicher gibt es eine Vielzahl von Vorstellungen, die nicht mehr so gut passen: Nehmen wir den Begriff des „Gehorsams“. Ich denke, er wird heutzutage leicht falsch verstanden, weil es vielmehr eine Vorstellung einer partnerschaftlicheren Beziehung zwischen Pferd und Reiter gibt, mit allen Vorteilen, aber auch Missverständnissen, die damit verbunden sein können.


Das Pferd im Mittelpunkt

Hofreitschule News: Sie sprechen von einer gesunderhaltenden Ausbildung. Woran kann ein Reiter erkennen, dass seine Arbeit dem Pferd tatsächlich guttut?

Sonja Weber: Indem das Pferd immer zufriedener und kräftiger wird. Es ist gelassen und baut Muskulatur an den richtigen Stellen auf. Außerdem kann man immer besser sitzen und zu händeln.

Hofreitschule News: Wie wichtig ist es, die Ausbildung individuell auf das jeweilige Pferd abzustimmen? Gibt es überhaupt einen „richtigen“ Ausbildungsweg, der für jedes Pferd funktioniert?

Sonja Weber: Nein. Es gibt keinen Weg, der auf jedes Pferd passt. Ich stelle mich extrem auf jedes einzelne Pferd ein und setze an dem Faktor an, den ich in dem Moment für den am stärksten begrenzenden halte.


Versammlung und Leichtigkeit

Hofreitschule News: Der Begriff „Versammlung“ wird im Reitsport sehr unterschiedlich verstanden. Was bedeutet Versammlung für Sie – und woran erkennen Sie echte Versammlung?

Sonja Weber: Versammlung ist ein „Gesamteffekt“ in Körper und Geist. Das Becken wird runder, die Hanken in allen Gelenken stärker gebeugt und nicht zu weit unter den Körper geschoben. Der Brustkorb ist angehoben, der Hals dadurch über den Schultern aufgerichtet und automatisch ist das Pferd dann durchs Genick mit der Nase vor der Senkrechten und dem Genick als höchsten Punkt. Beide Beinpaare arbeiten vertikal. Die Rotationen im Rumpf sind transversal. (Alles zu erklären, sprengt den hiesigen Rahmen.)

Hofreitschule News: Viele Reiter versuchen, Versammlung über eine stärkere Einwirkung zu erreichen. Was läuft dabei häufig schief?

Sonja Weber: Der Hals wird mit der Hand aufgerichtet und gestaucht. Das Pferd kommt ins Hohlkreuz und bleibt im Rumpf dadurch tief. Oder es wird so tief geritten (als vermeintliche Voraussetzung), dass es keine Balance erlangt.


Die heutige Reitwelt

Hofreitschule News: In den sozialen Medien sehen wir immer spektakulärere Lektionen und vermeintlich schnelle Ausbildungserfolge. Wie beeinflusst diese Entwicklung Ihrer Meinung nach den Umgang mit Pferden?

Sonja Weber: Die meisten haben keine Vorstellung, wie lange es dauert, wirklich reiten zu lernen und ein Pferd auszubilden.

Hofreitschule News: Was beobachten Sie aktuell in der Pferdeausbildung, das Ihnen besonders Sorgen bereitet – und was macht Ihnen gleichzeitig Hoffnung?

Sonja Weber: Hoffnung macht mir, dass das Interesse wächst. Sorgen macht mir der Wunsch nach Abkürzungen, beispielsweise durch „Andressieren“ von Lektionen ohne richtiges Training und den wichtigen Effekt auf den Körper. Sieht in den Medien eventuell zunächst korrekt aus, aber die Wirkung auf das Pferd und damit auf seine Gesundheit und Kräftigung bleibt aus.


Persönlicher Abschluss

Hofreitschule News: Wenn Sie einem Reiter nur einen einzigen Gedanken für die tägliche Arbeit mit seinem Pferd mitgeben dürften: Welcher wäre das?

Sonja Weber: Jeden Moment nutzen, um die wichtigen Details aufzuspüren und zu verfolgen. Keinen Moment verpassen, um unendlich geduldig und ausdauernd zu üben, üben und üben!

Danke für das Gespräch

Hofreitschule News: Liebe Frau Weber, vielen Dank für Ihre Zeit, die offenen Einblicke und die spannenden Gedanken zur klassischen Reitkunst, zur Pferdeausbildung und zur Verbindung von Erfahrung und Wissenschaft. Besonders deutlich wird: Gute Ausbildung ist kein schneller Weg, sondern eine geduldige und immer wieder neue Auseinandersetzung mit dem Pferd.

Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Freude auf dieser „unendlich langen Entdeckungsreise“.

Sonja Weber mit dem 10-jährigen Lusitanohengst Magusto im Trab.

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