Kameras und künstliche Intelligenz sollen künftig helfen, das Verhalten von Pferden über längere Zeit zu beobachten. Die Technik kann den Menschen dabei unterstützen, ersetzt aber nicht seine Beurteilung. / Foto: iStock

Kann eine Kamera erkennen, ob ein Pferd sich wohlfühlt?

22. September 2026

Künstliche Intelligenz hält Einzug in die Pferdehaltung. Kameras und Sensoren sollen künftig dabei helfen, Veränderungen im Verhalten früher zu erkennen. Doch kann Technik wirklich feststellen, ob ein Pferd glücklich oder gestresst ist?

Eine Kamera beobachtet ein Pferd in seiner Box. Sie sieht, wann es steht. Wann es sich hinlegt. Wann es trinkt. Und wie viel Zeit es mit bestimmten Verhaltensweisen verbringt. Ein Mensch müsste dafür stundenlang Videos anschauen. Eine künstliche Intelligenz kann dagegen lernen, solche Bewegungen automatisch zu erkennen. Genau daran arbeitet die aktuelle Forschung.

29 Tage Pferdebeobachtung

Ein Forschungsteam der Universitäten Bologna und Mailand hat 2026 untersucht, wie gut ein sogenanntes Deep-Learning-Modell typische Verhaltensweisen eines Pferdes anhand von Videoaufnahmen erkennen kann.

Das Pferd wurde insgesamt 29 Tage lang kontinuierlich in seiner Box gefilmt.

Die Forscher trainierten das Computersystem darauf, unter anderem Stehen, Liegen und Trinken zu erkennen. Anschließend verglichen sie die Ergebnisse der künstlichen Intelligenz mit menschlich ausgewerteten Videoaufnahmen.

Das Ergebnis war interessant: Das System konnte bestimmte Verhaltensweisen bereits mit hoher Genauigkeit erkennen.

Beim Erkennen des Stehens lag die Präzision beispielsweise bei 97,5 Prozent. Beim Liegen erkannte das System viele Situationen ebenfalls zuverlässig, allerdings nicht alle.

Warum ist das interessant?

Weil sich daraus in Zukunft ein ganz neues Werkzeug für die Pferdehaltung entwickeln könnte.

Statt nur gelegentlich nach dem Pferd zu sehen, könnte eine Kamera rund um die Uhr Veränderungen registrieren.

Zum Beispiel:

Ein Pferd steht normalerweise viel, legt sich regelmäßig hin und trinkt zu bestimmten Zeiten.

Wenn sich dieses Muster plötzlich verändert, könnte das System eine Warnung ausgeben.

Nicht: „Das Pferd ist krank.“

Sondern eher:

„Das Verhalten hat sich verändert – bitte genauer hinschauen.“

Das ist ein wichtiger Unterschied.

KI ersetzt keinen Tierarzt

Eine Kamera kann Verhalten erkennen. Sie kann aber nicht einfach aus einem Bild feststellen, ob ein Pferd Schmerzen hat oder sich unwohl fühlt. Dafür sind die Zusammenhänge viel komplizierter.

Ein Pferd liegt beispielsweise weniger, weil es Schmerzen hat. Es kann aber auch deshalb weniger liegen, weil die Umgebung unruhig ist oder es sich dort nicht sicher fühlt. Auch ein verändertes Trinkverhalten kann viele Ursachen haben. Deshalb sehen Wissenschaftler solche Systeme vor allem als Unterstützung für die Beobachtung.

Eine 2026 veröffentlichte Arbeit zu künstlicher Intelligenz und Pferdewohl betont ebenfalls, dass solche Technologien sinnvoll eingesetzt werden müssen und ihre Grenzen berücksichtigt werden sollten.

Nicht nur Kameras sind im Einsatz

Die Forschung arbeitet inzwischen mit ganz unterschiedlichen technischen Möglichkeiten. Dazu gehören Kamerasysteme, Bewegungs- und Beschleunigungssensoren, GPS und andere tragbare Geräte.

Eine aktuelle Untersuchung aus dem Jahr 2026 beschäftigte sich beispielsweise mit solarbetriebenen GPS- und Beschleunigungssystemen zur langfristigen Überwachung von Pferden. Auch dadurch lassen sich Bewegungsmuster und Aktivitäten über längere Zeit beobachten. Das könnte besonders interessant werden, wenn ein Pferd auf großen Flächen lebt und nicht ständig von Menschen gesehen wird.

Der Computer kennt das Pferd aber nicht

Hier liegt eine wichtige Grenze.

Eine KI kann Muster erkennen.

Aber sie kennt nicht automatisch die Geschichte des einzelnen Pferdes.

Sie weiß beispielsweise nicht, dass „Bella“ normalerweise morgens besonders aktiv ist, während „Max“ zu dieser Zeit noch gemütlich im Offenstall steht.

Deshalb muss technische Überwachung immer mit menschlicher Beobachtung verbunden werden.

Ein Blick in die Zukunft

Vielleicht erleben wir in den kommenden Jahren immer häufiger Ställe, in denen Kameras und Sensoren unauffällig Daten sammeln.

Das könnte beispielsweise helfen,

  • ungewöhnliche Bewegungsmuster früh zu erkennen,
  • Veränderungen beim Liegen oder Trinken festzustellen,
  • Aktivitätszeiten zu dokumentieren,
  • das Verhalten über längere Zeit zu vergleichen,
  • und Tierärzten zusätzliche Informationen zur Verfügung zu stellen.

Die Technik soll dabei nicht den Pferdebesitzer ersetzen.

Sie könnte ihm vielmehr zusätzliche Augen und Ohren geben.

Die wichtigste Kamera bleibt der Mensch

So faszinierend künstliche Intelligenz ist: Das wichtigste Instrument bleibt die gute Beobachtung. Wer sein Pferd kennt, bemerkt oft schon kleine Veränderungen. Die Technik könnte künftig helfen, solche Beobachtungen zu ergänzen und objektiver über längere Zeit zu dokumentieren.

Die spannende Frage lautet deshalb vielleicht nicht:

„Kann die KI erkennen, ob mein Pferd glücklich ist?“

Sondern:

„Kann die KI uns helfen, unser Pferd besser zu beobachten?“

Genau daran arbeitet die Forschung derzeit.

 

Quellen

Giannone et al.: Monitoring horse behaviour with deep learning models, Veterinary Quarterly, 2026.

Priorities and Recommendations for Using Artificial Intelligence (AI) to Improve Equid Health and Welfare, Animals, 2026.

Aarts: Technologies for equine welfare and performance monitoring under field conditions – Where do we stand?, Equine Veterinary Journal.

 

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