Mensch und Tier reagieren aufeinander: Eine neue Studie untersucht die gegenseitige Wirkung von Berührung und Verhalten bei Jugendlichen und Miniatur-Equiden. / Foto: iStock Beispielfoto

Pferd und Mensch: Warum die Begegnung keine Einbahnstraße ist

23. September 2026

Neue Studie untersucht, wie menschliche Berührung das Verhalten von Pferden und Eseln beeinflusst – und was die Reaktion der Tiere mit dem Wohlbefinden der Menschen zu tun haben könnte.

Was passiert eigentlich, wenn ein Mensch einem Pferd begegnet? Bisher konzentrierte sich die Forschung bei tiergestützten Interventionen häufig auf eine Frage: Wie geht es dem Menschen danach?

Eine neue Studie aus den USA betrachtet die Begegnung nun aus einem anderen Blickwinkel. Die Wissenschaftlerinnen Claire J. M. Short und Rebecca M. Calisi von der University of California, Davis, untersuchten, ob Mensch und Tier sich während einer Begegnung gegenseitig beeinflussen. Das Ergebnis ist spannend: Die Art, wie Menschen ein Tier berühren, kann dessen Verhalten verändern. Und die Reaktion des Tieres steht wiederum mit Veränderungen im emotionalen Erleben der Menschen in Zusammenhang. Die Forscherinnen nennen diesen Ansatz die „Two-Way Hypothesis“ – die Zwei-Wege-Hypothese.

61 Jugendliche treffen auf kleine Pferde und Esel

Für das Experiment nahmen 61 Jugendliche an einem einwöchigen Tierverhaltensprogramm in Kalifornien teil. Die Begegnungen fanden mit vier Miniatur-Equiden statt: zwei Miniaturpferden und zwei Miniatureseln. Die Tiere lebten bereits seit mehr als zwei Jahren gemeinsam und waren an Menschen gewöhnt. Wichtig war den Forschenden außerdem, dass die Tiere während des Versuchs frei entscheiden konnten, ob sie Kontakt aufnehmen oder sich entfernen wollten. Die Jugendlichen erhielten zunächst eine kurze Einführung in bestimmte Verhaltensweisen der Tiere. Anschließend wurden sie zufällig einer von zwei Formen der Berührung zugeteilt.

Streicheln oder Kratzen?

Eine Gruppe sollte das Tier sanft und gleichmäßig am Rücken streicheln. Die andere Gruppe sollte mit den Fingern etwas kräftiger und in kleinen, wiederholten Bewegungen am Hals kratzen. Diese Berührung orientierte sich am sogenannten Allogrooming, also dem gegenseitigen Putzen, wie es auch Pferde untereinander zeigen. Die Begegnung dauerte lediglich drei Minuten. Vor und nach dem Kontakt beantworteten die Jugendlichen Fragen zu ihrem emotionalen Zustand. Unter anderem wurde erfasst, wie nervös, traurig, aufgeregt, einsam oder ruhig sie sich fühlten. Zusätzlich wurde die Herzfrequenz gemessen.

Die Tiere reagierten unterschiedlich

Interessant wurde es bei der Reaktion der Tiere. Beim kräftigeren Kratzen zeigten die Miniatur-Equiden häufiger ein bestimmtes Verhalten: Sie bewegten ihre Oberlippe beziehungsweise zeigten ein sogenanntes „Lip-Wiggling“. Gleichzeitig entfernten sie sich seltener freiwillig von den Jugendlichen. Die Art der menschlichen Berührung hatte also messbare Auswirkungen darauf, wie die Tiere auf den Kontakt reagierten. Für die Forschenden ist genau das ein wichtiger Punkt: Das Tier ist bei einer tiergestützten Intervention nicht einfach nur „da“. Es reagiert auf das Verhalten des Menschen und verändert dadurch wiederum die Situation.

Auch die Jugendlichen fühlten sich nach der Begegnung anders

Nach den drei Minuten mit den Tieren berichteten die Jugendlichen insgesamt von Veränderungen in mehreren Bereichen.

Ihre Angaben zeigten:

  • weniger Nervosität und Angst
  • weniger Traurigkeit
  • weniger Einsamkeit
  • weniger Aufregung
  • mehr Ruhe

Diese Veränderungen traten sowohl bei den Jugendlichen auf, die streicheln sollten, als auch bei denen, die kratzen sollten. Besonders interessant war jedoch die Frage, ob das Verhalten der Tiere mit dem Ausmaß dieser Veränderungen zusammenhing.

Wenn das Tier Kontakt zeigt

Jugendliche, die das sogenannte Lip-Wiggling beobachteten, zeigten eine stärkere Verringerung ihrer Einsamkeitsgefühle. Das bedeutet nicht, dass allein die Bewegung der Oberlippe dafür verantwortlich war. Die Studie zeigt vielmehr einen Zusammenhang zwischen der Reaktion des Tieres und der emotionalen Veränderung beim Menschen. Auch ein scheinbar gegensätzliches Ergebnis fanden die Forschenden: Jugendliche, die beobachteten, dass ein Tier wegging, berichteten teilweise von einer stärkeren Verringerung ihrer Traurigkeit.

Das zeigt, dass die Beziehung zwischen Tierverhalten und menschlichem Erleben komplexer ist als ein einfaches „Tier bleibt = Mensch fühlt sich gut“.

Das Tier ist kein Therapiewerkzeug

Genau hier liegt die vielleicht wichtigste Aussage der Studie.

Bei tiergestützten Angeboten wird häufig untersucht, welchen Nutzen die Begegnung für den Menschen hat. Die neue Untersuchung rückt dagegen das gegenseitige Geschehen in den Mittelpunkt.

Der Mensch beeinflusst das Tier.

Das Tier reagiert.

Und diese Reaktion kann wiederum beeinflussen, wie der Mensch die Begegnung erlebt.

Damit wird das Tier nicht als passiver Bestandteil einer Therapie betrachtet, sondern als aktiver Teilnehmer der Interaktion.

Für die Pferdewelt ist dieser Gedanke besonders interessant. Pferde reagieren sehr sensibel auf menschliche Körpersprache, Berührung und Verhalten. Die Studie liefert nun experimentelle Hinweise darauf, dass die Art der Interaktion nicht nur für den Menschen, sondern auch für das Tier von Bedeutung ist.

Tierwohl und Menschenwohl könnten zusammengehören

Die Ergebnisse haben deshalb auch eine Bedeutung für den Tierschutz. Wenn das Wohlbefinden des Menschen zumindest teilweise davon abhängt, wie das Tier auf die Begegnung reagiert, wird das Wohlbefinden des Tieres zu einem wichtigen Bestandteil der Intervention. Ein Tier, das freiwillig Kontakt aufnimmt, sich wohlfühlt und sich beteiligen möchte, könnte damit eine andere Interaktion ermöglichen als ein Tier, das Stress zeigt oder sich dem Menschen entzieht. Die Forschenden sehen Tierwohl deshalb nicht nur als ethische Voraussetzung, sondern möglicherweise auch als einen mechanistischen Bestandteil der Wirkung tiergestützter Interventionen.

Was die Studie noch nicht beweist

Trotz der interessanten Ergebnisse sollte man die Untersuchung nicht überinterpretieren. An der Studie nahmen nur 61 Jugendliche teil. Außerdem wurden lediglich vier Miniatur-Equiden eingesetzt. Die Untersuchung dauerte nur drei Minuten und erfasste kurzfristige Veränderungen. Eine Kontrollgruppe ohne Tierkontakt gab es ebenfalls nicht. Deshalb lässt sich aus der Studie nicht ableiten, dass die beobachteten emotionalen Veränderungen ausschließlich durch die Tiere verursacht wurden. Auch der Zusammenhang zwischen dem Verhalten der Tiere und den emotionalen Veränderungen der Jugendlichen ist noch kein endgültiger Beweis für eine direkte Ursache-Wirkung-Kette. Die Autorinnen weisen selbst darauf hin, dass weitere Untersuchungen notwendig sind.

Eine Begegnung auf Augenhöhe?

Trotz dieser Einschränkungen liefert die Studie einen interessanten Denkanstoß für alle, die mit Pferden arbeiten. Vielleicht ist die entscheidende Frage bei einer Begegnung zwischen Mensch und Pferd nicht nur:

„Was bewirkt das Pferd beim Menschen?“

Sondern auch:

„Was bewirkt der Mensch beim Pferd – und wie verändert diese Reaktion wiederum die Begegnung?“

Genau diese gegenseitige Dynamik steht im Mittelpunkt der neuen „Two-Way Hypothesis“.

Für die Praxis könnte daraus eine einfache, aber wichtige Erkenntnis entstehen: Wer mit Pferden arbeitet, sollte nicht nur darauf achten, was der Mensch erreichen möchte. Ebenso wichtig ist es, die Signale des Pferdes wahrzunehmen und ihm Raum für freiwillige Reaktionen zu lassen.

Denn eine gute Begegnung zwischen Mensch und Pferd ist möglicherweise keine Einbahnstraße.

 

Quelle

Claire J. M. Short & Rebecca M. Calisi: Mutual wellbeing in an equine-assisted intervention: experimental evidence for the two-way hypothesis and the importance of interaction method. Scientific Reports, 16, 27658 (2026). Veröffentlicht am 15. September 2026.

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