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Pferde zeigen nicht immer offensichtlich, wie es ihnen geht. Deshalb wird die Beobachtung von Verhalten und sozialen Beziehungen für die Beurteilung des Pferdewohls immer wichtiger. / Foto: iStock, Callipso

Wenn das Pferd funktioniert, aber trotzdem etwas nicht stimmt

18. September 2026

Pferde zeigen uns nicht immer sofort, wenn es ihnen nicht gut geht. Neue Forschung beschäftigt sich deshalb immer stärker mit der Frage, wie sich Wohlbefinden, Stress und soziale Erfahrungen im Verhalten und sogar in der Entwicklung des Pferdes widerspiegeln.

Ein Pferd steht ruhig in seiner Box, lässt sich problemlos satteln und geht beim Reiten brav vorwärts. Für uns sieht das zunächst nach einem zufriedenen Pferd aus.

Doch reicht das wirklich aus, um zu sagen: „Dem Pferd geht es gut“?

Die moderne Pferdeforschung stellt genau diese Frage immer häufiger. Denn ein Pferd kann sich an eine Situation anpassen und trotzdem Belastungen ausgesetzt sein.

Nicht jedes „Funktionieren“ bedeutet Wohlbefinden

Pferde sind Meister der Anpassung. Sie können sich an unterschiedliche Haltungsbedingungen, Tagesabläufe und Trainingssituationen gewöhnen.

Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass jede Situation für sie angenehm ist.

Wissenschaftler betrachten deshalb nicht mehr nur einzelne sichtbare Verhaltensweisen. Interessant ist vielmehr das gesamte Bild: Wie bewegt sich das Pferd? Wie viel ruht es? Wie verhält es sich gegenüber Artgenossen? Wie reagiert es auf neue Situationen? Gibt es Veränderungen beim Fressen oder bei seinem normalen Verhalten?

Auch körperliche Messwerte können Hinweise liefern.

Eine 2026 veröffentlichte Studie in Nature Communications zeigt beispielsweise, wie wichtig soziale Beziehungen für die Entwicklung junger Pferde sein können. Die Forscher untersuchten Fohlen, die länger bei ihren Müttern blieben, und verglichen sie mit Fohlen, die bereits mit etwa sechs Monaten von ihren Müttern getrennt worden waren.

Die Mutter ist mehr als nur eine Milchquelle

Die Ergebnisse sind besonders interessant.

Die Fohlen, die länger bei ihren Müttern blieben, zeigten Unterschiede in verschiedenen Bereichen ihrer Entwicklung. Die Wissenschaftler fanden Veränderungen in Hirnregionen, die unter anderem mit sozialem Verhalten und der Regulation körperlicher Prozesse verbunden sind.

Auch im Verhalten gab es Unterschiede: Die länger bei ihren Müttern gebliebenen Fohlen zeigten mehr soziale Interaktionen und Erkundungsverhalten. Bei späteren Verhaltenstests näherten sie sich einem unbekannten Pferd schneller und benötigten weniger Trainingseinheiten, um bestimmte Pflegeübungen zu erlernen.

Die Studie umfasste allerdings nur eine relativ kleine Gruppe von Fohlen. Deshalb sollte man die Ergebnisse nicht einfach auf jedes Pferd und jede Form der Aufzucht übertragen.

Trotzdem zeigt die Untersuchung etwas Wichtiges: Soziale Erfahrungen in jungen Jahren können die Entwicklung eines Pferdes beeinflussen.

Stress sieht nicht immer spektakulär aus

Stress beim Pferd bedeutet also nicht automatisch, dass ein Pferd scheut, steigt oder hektisch wird.

Manche Reaktionen können viel unauffälliger sein.

Deshalb schauen Wissenschaftler zunehmend auf sogenannte Verhaltensbudgets. Dabei wird beispielsweise untersucht, wie viel Zeit ein Pferd mit Fressen, Ruhen, Liegen, Bewegung oder sozialen Kontakten verbringt.

Auch Veränderungen gegenüber dem normalen Verhalten können interessant sein.

Ein Pferd, das plötzlich weniger Kontakt zu anderen Pferden sucht, ungewöhnlich viel steht oder sein Bewegungsverhalten verändert, liefert möglicherweise wichtige Informationen.

Das bedeutet nicht, dass jede Veränderung automatisch ein Problem darstellt. Aber sie kann ein Grund sein, genauer hinzusehen.

Was bedeutet „Allostase“?

Ein Begriff, der in der aktuellen Forschung häufiger auftaucht, heißt Allostase.

Vereinfacht gesagt geht es darum, wie der Körper sich immer wieder an neue Anforderungen anpasst. Das Pferd muss beispielsweise auf Wärme, Kälte, Bewegung, neue Situationen, soziale Veränderungen oder andere Belastungen reagieren.

Diese Anpassungsfähigkeit ist lebenswichtig.

Problematisch kann es werden, wenn Belastungen dauerhaft oder zu stark sind und die Anpassungssysteme immer wieder gefordert werden.

Deshalb reicht es nicht, nur einen kurzen Moment zu beobachten.

Was können Pferdehalter daraus lernen?

Vielleicht die wichtigste Erkenntnis lautet:

Nicht nur darauf schauen, ob ein Pferd funktioniert – sondern darauf, wie es ihm dabei geht.

Ein gutes Auge für das eigene Pferd bleibt dabei unverzichtbar.

Wer sein Pferd täglich beobachtet, kennt sein normales Verhalten. Veränderungen fallen dann eher auf.

Dabei können einfache Fragen helfen:

  • Frisst mein Pferd normal?
  • Sucht es Kontakt zu anderen Pferden?
  • Ruht es ausreichend?
  • Bewegt es sich wie gewohnt?
  • Reagiert es plötzlich anders auf Berührung oder bestimmte Situationen?
  • Hat sich sein Verhalten beim Reiten verändert?

Bei auffälligen Veränderungen sollte selbstverständlich auch an körperliche Ursachen gedacht und gegebenenfalls ein Tierarzt hinzugezogen werden.

Das Pferd als Ganzes betrachten

Die aktuelle Forschung zeigt: Pferdewohl lässt sich nicht auf einen einzigen Wert reduzieren.

Gesundheit, Haltung, soziale Kontakte, Verhalten, Training und die individuelle Persönlichkeit gehören zusammen.

Vielleicht liegt genau darin eine wichtige Weiterentwicklung unseres Blicks auf das Pferd:

Nicht nur fragen: „Was kann mein Pferd leisten?“

Sondern auch:

„Wie erlebt mein Pferd seinen Alltag?“

 

Quellen

Valenchon et al.: Affiliative behaviours regulate allostasis development and shape biobehavioural trajectories in horses, Nature Communications, 2026.

Copelin & Merkies: Riding with care: A review of factors that influence the welfare of the ridden horse, Journal of Equine Veterinary Science, 2026.

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