François Robichon de La Guérinière

François Robichon de La Guérinière – einer der bedeutendsten Meister der klassischen Reitkunst. Sein Werk „École de Cavalerie“ beeinflusst die Ausbildung von Pferd und Reiter bis heute./ Foto: Wikipedia / Conversano Isabella

Der Meister, der das Schulterherein prägte

25. August 2026

Vor fast 300 Jahren schrieb François Robichon de La Guérinière ein Buch, das die klassische Reitkunst bis heute beeinflusst. Sein Name ist untrennbar mit dem Schulterherein verbunden. Doch La Guérinière ging es um weit mehr als einzelne Lektionen: Er wollte Pferde systematisch, geduldig und mit feinen Hilfen ausbilden. Seine Gedanken sind deshalb auch heute noch erstaunlich aktuell.

Ein Reitmeister aus Frankreich

François Robichon de La Guérinière wurde um 1688 in Frankreich geboren und starb 1751. Er gehörte zu den bedeutendsten französischen Reitmeistern des 18. Jahrhunderts. Bereits 1715 erhielt er den Titel eines écuyer du roi und eröffnete eine eigene Reitschule in Paris. Später leitete er das Manège des Tuileries. (horsemagazine.com)

Seine Bedeutung liegt vor allem darin, dass er die Reitkunst nicht nur praktisch ausübte, sondern seine Erfahrungen systematisch aufschrieb. Damit gab er nachfolgenden Generationen ein Lehrbuch an die Hand, das weit über seine eigene Zeit hinauswirkte.

Die „École de Cavalerie“

Sein berühmtestes Werk trägt den Titel „École de Cavalerie“ – Schule der Reitkunst. Die bekannte Ausgabe erschien 1733, spätere Ausgaben folgten. Das Buch beschäftigt sich nicht ausschließlich mit dem Reiten. La Guérinière schreibt auch über das Pferd selbst, seine Anatomie, Haltung, Pflege, Ausrüstung und Ausbildung. (Militärgeschichte Zentrum)

Das ist bemerkenswert. Für La Guérinière war ein guter Reiter nicht einfach jemand, der viele Lektionen beherrscht. Ein wirklicher Mann zu Pferd musste das Pferd verstehen.

Damit war seine Arbeit mehr als ein Handbuch für spektakuläre Lektionen. Sie beschreibt ein Ausbildungssystem.

Das Schulterherein – eine Lektion mit großer Wirkung

Mit La Guérinière wird vor allem eine Lektion verbunden: das Schulterherein.

Die Übung sollte das Pferd geschmeidiger machen und seine Beweglichkeit verbessern. Dabei wird das Pferd in einer leichten Stellung und Biegung entlang der Bahn geführt. Die Vorhand befindet sich dabei weiter innen als die Hinterhand.

Was heute wie eine ganz normale Seitengang-Lektion aussieht, war für die Entwicklung der klassischen Reitkunst von großer Bedeutung. La Guérinière machte das Schulterherein zu einem wichtigen Bestandteil seiner Ausbildung. Historische Quellen führen seine systematische Beschreibung der Lektion auf seine Arbeit zurück. (horsemagazine.com)

Das Ziel war nicht, den Reiter mit einer schwierigen Lektion zu beeindrucken. Das Ziel war das besser ausgebildete Pferd.

Warum überhaupt Seitengänge?

Die Idee dahinter lässt sich auch für heutige Reiter gut verstehen.

Ein Pferd muss lernen, seinen Körper kontrolliert zu bewegen. Es soll nicht einfach nur vorwärtslaufen, sondern sich zunehmend besser ausbalancieren, biegen und auf die Hilfen des Reiters reagieren.

La Guérinière suchte nach Übungen, mit denen sich das Pferd systematisch gymnastizieren ließ. Das Schulterherein war dabei ein wichtiges Werkzeug.

Genau deshalb hat die Lektion bis heute ihren Platz in der klassischen Ausbildung.

Nicht schneller, sondern besser

Besonders interessant ist La Guérinières Haltung gegenüber einer zu schnellen Ausbildung.

Er warnte davor, von einem Pferd mehr zu verlangen, als es körperlich und mental leisten kann. Überforderung könne dazu führen, dass das Pferd die Arbeit nicht mehr mit Freude ausführt und körperlich Schaden nimmt. Auch zu frühes und zu anspruchsvolles Training sah er kritisch. (horsemagazine.com)

Für moderne Pferdefreunde klingt dieser Gedanke erstaunlich vertraut.

Ein Pferd soll nicht deshalb eine Lektion zeigen, weil der Reiter sie unbedingt sehen möchte. Es soll die körperlichen Voraussetzungen dafür entwickeln.

Vom Einfachen zum Schwierigen – und nicht umgekehrt.

Der Reiter ist Teil der Ausbildung

La Guérinière beschäftigte sich auch ausführlich mit der Position des Reiters.

Denn selbst das beste Ausbildungssystem funktioniert nicht, wenn der Reiter unausbalanciert sitzt oder seine Hilfen unklar sind. Sitz, Zügelführung und Einwirkung gehören für ihn zusammen.

Das Pferd soll nicht permanent mit starken Hilfen kontrolliert werden. Vielmehr soll der Reiter lernen, seine Hilfen so einzusetzen, dass das Pferd sie versteht.

Das macht einen wichtigen Gedanken seiner Reitkunst deutlich:

Je besser der Reiter wird, desto weniger muss er sichtbar tun.

Ein Pferd, das gerne mitarbeitet

Hinter den vielen Übungen steht ein großes Ziel: Das Pferd soll leicht, gehorsam, ausbalanciert und angenehm zu reiten werden. Seine Arbeit zielte auf Geschmeidigkeit und Balance und auf eine schrittweise Ausbildung. (horsemagazine.com)

Das ist ein interessanter Gegensatz zu einer Reitweise, bei der eine Lektion nur deshalb geritten wird, weil sie spektakulär aussieht.

Für La Guérinière war die Lektion Mittel zum Zweck.

Das eigentliche Ziel war die Verbesserung des Pferdes.

La Guérinière und die alten Meister

La Guérinière stand nicht völlig losgelöst von seinen Vorgängern. Er griff unter anderem Gedanken des englischen Reitmeisters William Cavendish, des Duke of Newcastle, auf und entwickelte sie weiter. Gerade beim Schulterherein lassen sich Verbindungen zu früheren Ausbildungsideen erkennen. (horsemagazine.com)

Das macht die Geschichte der klassischen Reitkunst besonders spannend: Die alten Meister arbeiteten nicht einfach nach einem einzigen, unveränderlichen System. Sie beobachteten, probierten aus, übernahmen Ideen und entwickelten sie weiter.

So entstand über Jahrhunderte eine Art Dialog zwischen den Reitmeistern.

Warum La Guérinière heute noch wichtig ist

Wer heute klassisch reitet, begegnet La Guérinière oft, ohne seinen Namen bewusst zu kennen.

Das Schulterherein, die systematische Gymnastizierung und die Idee einer schrittweisen Ausbildung gehören zu den Elementen, die seine Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart sichtbar machen. Sein Werk wird auch im Zusammenhang mit der Tradition verschiedener europäischer Reitschulen genannt. (Hofreitschule)

Dabei lohnt es sich, La Guérinière nicht als jemanden zu betrachten, der vor fast 300 Jahren ein fertiges Rezept für perfektes Reiten erfunden hat.

Interessanter ist eine andere Frage:

Was können wir heute noch von seiner Art zu denken lernen?

Vielleicht vor allem dies: Eine gute Ausbildung beginnt nicht mit der schwierigsten Lektion. Sie beginnt damit, das Pferd zu verstehen.

Die wichtigste Lektion ist vielleicht gar keine Lektion

Das ist vermutlich der Grund, warum La Guérinières Gedanken auch heute noch faszinieren.

Das Schulterherein kann man lernen. Eine Traversale kann man lernen. Auch schwierige Lektionen der Hohen Schule lassen sich Schritt für Schritt erarbeiten.

Doch dahinter steht etwas viel Grundsätzlicheres: Balance, Gymnastizierung, Verständigung und Vertrauen zwischen Pferd und Reiter.

Wer La Guérinière liest, entdeckt deshalb nicht nur einen alten Reitmeister.

Er entdeckt eine Frage, die auch heute jeder Reiter für sich beantworten muss:

Wie kann ich mein Pferd so ausbilden, dass es durch meine Arbeit nicht nur mehr kann – sondern sich auch besser bewegt und besser fühlt?

Vielleicht liegt genau darin das zeitlose Vermächtnis des französischen Meisters.


Quellen

  • François Robichon de La Guérinière: École de cavalerie contenant la connoissance, l’instruction et la conservation du cheval, Paris, 1733. Das historische Werk ist heute unter anderem als digitalisierte Ausgabe verfügbar. (Wikimedia Commons)
  • Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr: Aufgeblättert: Gueriniere – Die Reitkunst, 1791. (Militärgeschichte Zentrum)
  • The Horse Magazine: de la Guérinière, François Robichon – Who’s Who. (horsemagazine.com)
  • The Horse Magazine: The Shoulder In – what is it? how do you do it? why? (horsemagazine.com)
  • The Horse Magazine: The Classical Tradition – Out of the Dark Ages. (horsemagazine.com)
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