Das "Gymnasium des Pferdes" ist einer der großen Klassiker der Reitliteratur, der nicht nur die Reiterei in Deutschland bis heute maßgeblich geprägt hat.

Gustav Steinbrecht: Warum echte Versammlung nur aus Losgelassenheit entstehen kann

27. Juli 2026

„Nur was sich löst, kann sich versammeln.“ Kaum ein Satz hat die klassische Reitkunst so geprägt wie dieser Leitsatz von Gustav Steinbrecht. Bis heute gilt er als Fundament einer pferdegerechten Dressurausbildung und fasst in wenigen Worten zusammen, worauf wahre Versammlung beruht: Sie ist kein künstlich erzeugter Zustand, sondern das Ergebnis einer systematischen Gymnastizierung.

In seinem berühmten Werk „Das Gymnasium des Pferdes“ beschreibt Steinbrecht die Versammlung als das höchste Ziel der dressurmäßigen Ausbildung. Sie darf jedoch niemals erzwungen werden. Vielmehr entwickelt sie sich Schritt für Schritt, wenn das Pferd körperlich und mental losgelassen arbeitet und seine Muskulatur korrekt aufgebaut wurde.

Schubkraft wird zu Tragkraft

Nach Steinbrecht entsteht Versammlung, wenn die Schubkraft der Hinterhand zunehmend in Tragkraft umgewandelt wird. Das Pferd verlagert dabei mehr Gewicht auf die Hinterhand und entlastet gleichzeitig die Vorhand. Das Ergebnis ist eine natürliche Selbsthaltung, die nicht durch Zügel oder Hilfszügel erzeugt wird, sondern aus der Arbeit der Hinterhand entsteht.

Dabei bleibt eines immer erhalten: das Vorwärts. Versammlung bedeutet ausdrücklich nicht, das Pferd langsamer zu machen oder „festzuhalten“. Der Vorwärtsimpuls muss jederzeit bestehen bleiben – selbst in höchsten Lektionen wie der Piaffe. Ein korrekt versammeltes Pferd ist jederzeit bereit, wieder kraftvoll nach vorne zu treten.

Die körperlichen Merkmale der Versammlung

Eine korrekt entwickelte Versammlung zeigt sich nach Steinbrecht durch mehrere deutlich erkennbare Merkmale:

  • Die Hinterhand beugt ihre Gelenke stärker und tritt weiter unter den Schwerpunkt.
  • Die Tragkraft der Hinterhand nimmt zu, wodurch die Vorhand entlastet wird.
  • Der Widerrist hebt sich sichtbar an und das Pferd richtet sich aus eigener Kraft auf.
  • Die Unterstützungsfläche verkürzt sich, wodurch das Pferd beweglicher, wendiger und ausbalancierter wird.

Diese Veränderungen entstehen nicht durch das Einwirken auf Kopf und Hals, sondern als natürliche Folge einer korrekt arbeitenden Hinterhand.

Steinbrechts deutliche Warnungen

Besonders kritisch äußerte sich Steinbrecht gegenüber jeder Form der erzwungenen Beizäumung. Das mechanische Herunterziehen des Pferdekopfes oder eine künstlich erzeugte Aufrichtung widersprechen seiner Ausbildungsphilosophie. Die Haltung des Pferdes soll sich stets als Ergebnis der richtigen Gymnastizierung entwickeln.

Ebenso warnte er davor, das Pferd in der Versammlung „einzuschnüren“. Ein wirklich versammeltes Pferd bleibt locker, durchlässig und jederzeit leistungsbereit. Versammlung bedeutet nicht Enge oder Spannung, sondern Balance, Leichtigkeit und Bewegungsfreiheit.

Ein zeitloses Prinzip der klassischen Reitkunst

Mehr als 140 Jahre nach Erscheinen von „Das Gymnasium des Pferdes“ haben Steinbrechts Grundsätze nichts von ihrer Aktualität verloren. Moderne Erkenntnisse der Biomechanik bestätigen vielfach, dass eine gesunde Selbsthaltung nur über Losgelassenheit, korrektes Untertreten der Hinterhand und einen erhaltenen Vorwärtsimpuls entstehen kann.

Sein berühmter Leitsatz bleibt deshalb auch heute ein wichtiger Maßstab für die klassische Dressurausbildung:

„Nur was sich löst, kann sich versammeln.“ Wahre Versammlung ist kein Bild, das der Reiter erzeugt, sondern das sichtbare Ergebnis einer pferdegerechten Ausbildung.

Quellen: Gustav Steinbrecht: Das Gymnasium des Pferdes; klassische Ausgaben und Kommentierungen des Werkes.

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„Du triffst nicht auf ein Pferd zufällig. Es ist das Schicksal, das dich zu ihm führt.“

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