
Antike Pferdeausbildung / Illustration, published in Paris, 1891. / iStock
Einreiten junger Pferde: Handwerk, Rolle und Risiko – was alte Meister darüber wussten
12. Juli 2026
Von der Stallarbeit zur Aufgabe fürs Wissen
Das Einreiten junger Pferde war nie nur eine technische Routine. Schon in den Überlieferungen der Reitmeister zeigt sich: Hinter den ersten Lektionen steckt ein Zusammenspiel aus Menschenkenntnis, Auswahlkompetenz und Verantwortung. Denn Fehler in der Anfangsphase können sich später rächen — für das Pferd ebenso wie für den Menschen.
Wer darf einreiten – und wer entscheidet?
Historisch ist bemerkenswert, dass das eigentliche Einreiten häufig nicht als Tätigkeit der „großen Reiter“ gedacht war, sondern als Arbeit, die Zureitern und spezialisierten Kräften übertragen wurde. So entsteht früh eine klare Rollenlogik: Während Auftraggeber und Reitinteressierte planen und auswählen, arbeiten andere die ersten Erfahrungen Schritt für Schritt ein.
Damit erklärt sich auch eine typische Spannung, die sich durch viele Reitlehren zieht: Nicht jeder, der Reiten kann, ist automatisch geeignet, Pferde in der empfindlichen Anfangsphase auszubilden.
Zitat Steinbrecht
„Es ist eine sehr verbreitete, aber ganz falsche Ansicht, dass das junge Pferd, dessen Gefühl noch nicht ausgebildet ist, und das weder Zügel noch Schenkel kennt, für die ersten Übungen keines feinen Reiters bedürfe, sondern durch den ersten besten Reitknecht, der genug Sitz hat sich nicht abwerfen zu lassen, aus dem Gröbsten herausgearbeitet werden könne.“Damit wird klar: Genau weil das Pferd am Anfang „noch nichts“ kann, darf der Mensch am Anfang nicht „irgendwer“ sein.
Xenophons Skepsis: Ausbildung ist nicht „nebenbei“
In der antiken Diskussion wird das Problem offen angesprochen: Einreiten braucht Struktur. Xenophon bringt dabei eine Haltung zum Ausdruck, die bis heute wirkt—Ausbildung ist keine Mischung aus Zufall und Mut, sondern ein Prozess, der geplant und kontrolliert wird.
Sein Gedanke: Was man einem Pferd „beibringt“, braucht eine Linie—vergleichbar mit einer Ausbildung, die man vertraglich festhält und an klaren Punkten überprüft.
Zitat Xenophon
„Man muss dabei jedoch so vorgehen wie bei einem Knaben, den man in die Lehre gibt, indem man einen schriftlichen Vertrag aufsetzt, welcher festlegt, mit welchen Kenntnissen die Lehrzeit als abgeschlossen gilt.“
Pferde als Chance: Mancher kaufte sich den Umweg frei
Schon früh gab es auch den pragmatischen Weg: Wer es sich leisten konnte, ließ den mühsamen Anfang umgehen und beschaffte bereits angerittene Pferde. Das verlagert den Schwerpunkt: Nicht das Einreiten wird zur Kernkompetenz, sondern die Qualität der Auswahl.
Doch auch dieser Weg birgt Risiken. Ein gekauftes Pferd kann nur dann „funktionieren“, wenn es passend gearbeitet wurde—und wenn der neue Halter in der Lage ist, auf vorhandene Erfahrungen sinnvoll aufzubauen.
Wenn Unwissenheit einzieht: Einreiten als Start eines Dauerproblems
Spätere Reitlehren warnen deutlich davor, junge Pferde unqualifizierten Händen zu überlassen. Besonders kritisch wird es dann, wenn ein Pferd am Anfang Dinge lernen muss, die es später nicht einfach „vergisst“.
Die Folge kann sein, dass man nicht nur einmal Zeit verliert, sondern Jahre braucht, um Unsauberkeiten wieder auszubügeln. Ausbildung wird damit zum Risikothema—nicht nur zum Lernprojekt.
Der gute Bereiter: Gefühl, Maß und Konsequenz
Alte Meister sind sich einig: Entscheidend ist nicht nur, was man übt, sondern wer übt. Ein kompetenter Bereiter braucht
- feines Reiterwissen (auch im Umgang mit dem „noch nicht ausgebildeten“ Gefühl des Pferdes),
- gute Hand und richtigen Sitz,
- Geduld und Umsicht, und
- das Vermögen, Lektionen dem einzelnen Pferd anzupassen.
Gerade weil das junge Pferd noch nicht das „Werkzeugrepertoire“ der Zügel- und Schenkelhilfen kennt, darf der Mensch nicht grob starten. Die viel zitierte Kernidee: Das Pferd wird nicht „durch Druck“ formbar—es wird durch passende Führung verständig.
Einreiten als Beobachtung statt als Kampf
Auffällig ist außerdem, wie stark das Einreiten in diesen Traditionen als Beobachtungsaufgabe verstanden wird. Hindernisse, Widerstände und Unsicherheiten werden nicht vorschnell als „Böswilligkeit“ gelesen, sondern als Ausdruck von Wahrnehmung, Erfahrung und Entwicklungsstand.
Damit entsteht ein anderes Bild vom Einreiten: weniger „Durchsetzen“, mehr Verstehen.
Zitat Prizelius
„Junge Pferde von drei bis vier Jahren Alter kommen nicht selten in die Hände eines so unwissenden Reiters, und was kann aus ihnen werden? Mann und Pferd werden unglücklich und man bedarf alle Jahre starke Remonten.“Daraus folgt: Einreiten ist nicht nur „Erziehung“, sondern auch Risikomanagement. Was heute als Fehlhandlung beginnt, kann später als ständige Nacharbeit wiederkehren.
Einreiten ist Kunst mit Verantwortung
So bleibt das Einreiten junger Pferde in der Sicht alter Reitmeister ein Feld, in dem Können, Verantwortung und Auswahl zusammengehören. Wer glaubt, es ginge um schnelle Effekte, übersieht das Grundprinzip: Die ersten Schritte legen fest, wie ein Pferd später reagiert—und wie viel Arbeit man sich irgendwann wieder ans Bein bindet.
Einreiten ist nicht weniger als der Start einer ganzen Laufbahn
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