Vom Berber zum Lipizzaner: Die Geschichte der Barockpferde ist geprägt von gemeinsamen Vorfahren, höfischer Zucht und der Entwicklung der klassischen Reitkunst. / Foto: iStock Abramova_Kseniya

Berber, Andalusier, Lipizzaner: Woher kommen die Barockpferde wirklich?

7. Oktober 2026

Von den Pferden Nordafrikas und der Iberischen Halbinsel bis zu den großen Hofgestüten Europas: Die Geschichte der Barockpferde ist eine Geschichte von Krieg, Adel, Zucht und Reitkunst. Und sie zeigt, dass viele unserer berühmten Barockpferderassen enger miteinander verbunden sind, als man heute vermuten würde.

Wer einen Lipizzaner sieht, denkt vielleicht an die weißen Pferde der Spanischen Hofreitschule. Beim Andalusier kommen Bilder von Spanien und prächtigen Hengsten mit wallender Mähne auf. Der Berber erinnert an Nordafrika, der Lusitano an Portugal und der Kladruber an die großen europäischen Hofgestüte.

Heute werden diese Pferde als unterschiedliche Rassen gezüchtet. Ihre Geschichte erzählt jedoch eine andere Geschichte: Über Jahrhunderte wurden Pferde aus verschiedenen Regionen miteinander gekreuzt, um das ideale Reit-, Kriegs- und Paradepferd zu schaffen.

Eine aktuelle genetische Untersuchung von Barockpferderassen bestätigt nun, dass diese historischen Verbindungen noch heute im Erbgut sichtbar sind. Die Wissenschaftler untersuchten unter anderem Lipizzaner, Pura Raza Española, Lusitano, Alt-Kladruber und Friesen und fanden deutliche Hinweise auf gemeinsame historische Abstammung und frühere Vermischungen.

Am Anfang steht nicht der „Barocktyp“

Der Begriff Barockpferd klingt, als hätte es irgendwann einmal eine festgelegte Rasse namens „Barockpferd“ gegeben.

Das stimmt nicht.

Die heutigen Barockpferderassen entstanden größtenteils zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Sie wurden an europäischen Höfen gezielt auf bestimmte Eigenschaften gezüchtet: Eleganz, Gehorsam, Beweglichkeit, Kraft, Ausdauer und eine besondere Eignung für die Reitkunst.

Die europäischen Fürstenhöfe wollten Pferde, die nicht nur schön aussahen. Ein gutes Hofpferd musste sich auch versammeln lassen, schnell wenden können und auf feinste Hilfen reagieren. Damit begann eine außergewöhnliche Zuchtgeschichte.

Der Berber – ein Pferd, das Europa beeinflusste

Eine wichtige Rolle in dieser Geschichte spielt der Berber aus Nordafrika. Als die Mauren im Mittelalter auf die Iberische Halbinsel kamen, gelangten auch nordafrikanische Pferde nach Spanien. Dort trafen sie auf die bereits vorhandenen iberischen Pferde. Über Jahrhunderte entstand daraus ein Pferdetyp, der für seine Härte, Wendigkeit, Ausdauer und Rittigkeit geschätzt wurde.

Wie genau einzelne Blutlinien miteinander verbunden waren, lässt sich nach so langer Zeit nicht immer eindeutig rekonstruieren. Die moderne Forschung zeigt jedoch, dass es historische genetische Verbindungen zwischen nordafrikanischen Berbern und iberischen Pferden gab. Damit beginnt eine der spannendsten Geschichten der europäischen Pferdezucht.

Denn aus der Verbindung unterschiedlicher Pferdetypen entstand auf der Iberischen Halbinsel eine Grundlage für jene Pferde, die später an den Höfen Europas begehrt waren.

Andalusier – der berühmte Iberer

Der Begriff „Andalusier“ wird heute häufig für das spanische Pferd verwendet. Historisch ist die Entwicklung jedoch komplizierter. Auf der Iberischen Halbinsel entstanden über viele Jahrhunderte verschiedene Pferdetypen. Besonders in Spanien wurden Pferde gezielt für Adel, Militär und Hofhaltung gezüchtet.

Eine wichtige Rolle spielten später auch die Kartäusermönche. In ihren Gestüten rund um Jerez, Sevilla und Cazalla wurden spanische Pferde gezielt weitergezüchtet. Die Kartäuser gelten als besonders wichtige Bewahrer alter spanischer Blutlinien. Der spanische Pferdetyp wurde in Europa bald zum Inbegriff des eleganten Reitpferdes. Und genau das machte ihn für die entstehende höfische Reitkunst so interessant.

Warum wollten Europas Fürsten spanische Pferde?

Im 16. Jahrhundert veränderte sich die Reitkunst. Das Pferd sollte nicht mehr ausschließlich ein Transportmittel oder Kriegspartner sein. An den Höfen Europas wurde Reiten zunehmend zu einer Kunstform. Man wollte zeigen, dass der Reiter sein Pferd durch feine Hilfen kontrollieren konnte.

Für diese neue Reitkunst brauchte man Pferde mit besonderen Eigenschaften:

  • beweglich und wendig
  • kräftig, aber nicht schwerfällig
  • aufmerksam und lernfähig
  • gut zu versammeln
  • elegant in den Bewegungen
  • nervenstark und zuverlässig

Der iberische Pferdetyp passte hervorragend zu diesen Anforderungen. Spanische Pferde wurden deshalb an zahlreiche europäische Höfe exportiert und dort für die eigene Zucht eingesetzt.

Die Habsburger und das spanische Pferd

Besonders wichtig wurde die Verbindung zwischen Spanien und dem Hause Habsburg.

Die Habsburger herrschten über große Teile Europas und standen gleichzeitig in enger Verbindung mit Spanien. Spanische Pferde gelangten dadurch an die österreichischen und mitteleuropäischen Höfe.

1562 wurde in Kladrub ein kaiserliches Gestüt gegründet. Wenige Jahrzehnte später folgte Lipica.

1580 wurden für das neu gegründete Gestüt in Lipica nach historischen Angaben neun Hengste und 24 Stuten aus Spanien eingeführt. Weitere spanische Pferde folgten.

Doch der spätere Lipizzaner war keineswegs einfach ein „Spanier in Weiß“.

Der Lipizzaner ist ein europäisches Gemeinschaftsprojekt

Im Laufe der Jahrhunderte wurden zahlreiche weitere Blutlinien in die Zucht einbezogen.

Neben spanischen Pferden spielten unter anderem Neapolitaner, Araber, dänische Pferde und Pferde aus anderen europäischen Zuchtgebieten eine Rolle. Die moderne Forschung bestätigt diese komplizierte Geschichte.

Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung der Y-Chromosomen von Lipizzanern und Alt-Kladrubern bestätigte beispielsweise iberische und arabische Ursprünge verschiedener Gründerväter. Gleichzeitig fanden die Forscher Hinweise auf mögliche türkische beziehungsweise turkmenische Einflüsse in einigen Lipizzaner-Hengstlinien. Das macht die Geschichte noch spannender:

Die großen Barockpferderassen sind keine einfachen „Stammbäume“. Sie sind das Ergebnis jahrhundertelanger Zuchtgeschichte.

Und was ist mit dem Kladruber?

Auch der Alt-Kladruber entstand im Umfeld der Habsburger. Er wurde als repräsentatives Hof- und Kutschpferd gezüchtet. Seine Geschichte ist eng mit den europäischen Hofgestüten verbunden – und damit auch mit anderen Barockpferden.

Die genetische Forschung zeigt sogar eine enge historische Verbindung zwischen Lipizzaner und Alt-Kladruber. Beide Rassen wurden mit spanischen und italienischen Pferden aufgebaut und standen über Jahrhunderte in einem gemeinsamen höfischen Zuchtumfeld.

Besonders interessant: Während der Wiederaufbauzucht des Alt-Kladrubers im 20. Jahrhundert wurden unter anderem Lipizzaner-, Lusitano- und Friesenhengste eingesetzt. Dadurch sind historische Verbindungen sogar in jüngerer Zeit wieder sichtbar geworden.

Der Lusitano – der portugiesische Verwandte

Auf der Iberischen Halbinsel entwickelte sich neben dem spanischen Pferd ein weiterer bedeutender Vertreter der klassischen Reitpferde: der Lusitano.

Spanische und portugiesische Pferde teilen einen gemeinsamen historischen Hintergrund. Gleichzeitig entwickelten sich die Zuchten in unterschiedliche Richtungen.

Der Lusitano wurde besonders für seine Wendigkeit, Reaktionsfähigkeit und Arbeitsbereitschaft geschätzt. Seine enge Verbindung zur Arbeit mit Rindern prägte die Zucht ebenfalls.

Auch heute zeigen genetische Untersuchungen die enge Beziehung zwischen den iberischen Barockpferden. Pura Raza Española und Lusitano liegen genetisch näher beieinander als viele andere europäische Barockpferderassen.

Warum sehen diese Pferde sich so ähnlich?

Hoher Hals, kräftige Hinterhand, ausdrucksvoller Kopf, kompakter Körper und spektakuläre Bewegungen:

Viele Barockpferde haben einen ähnlichen Körperbau.

Das ist kein Zufall.

Zum einen haben sie teilweise gemeinsame Vorfahren. Zum anderen wurden sie über Jahrhunderte auf ähnliche Ziele selektiert.

Ein Pferd, das sich gut versammeln lässt, Gewicht auf die Hinterhand bringen kann und auf feine Hilfen reagiert, war für die höfische Reitkunst besonders wertvoll.

Die Züchter suchten also immer wieder nach ähnlichen Eigenschaften.

So konnten sich ähnliche Pferdetypen entwickeln – selbst wenn die Zuchten geografisch weit voneinander entfernt lagen.

Was macht ein Barockpferd zum Barockpferd?

Heute wird der Begriff „Barockpferd“ häufig für eine Gruppe verschiedener Rassen verwendet.

Dazu zählen unter anderem:

Pura Raza Española, Lusitano, Lipizzaner, Alt-Kladruber, Friese, Berber, Frederiksborger und einige weitere historische Reitpferderassen.

Doch sie sind nicht alle gleich eng miteinander verwandt.

Eine aktuelle genetische Studie unterscheidet sogar verschiedene Gruppen innerhalb der Barockpferde. Iberische Rassen bilden dabei einen eigenen Schwerpunkt, während Lipizzaner und Alt-Kladruber stärker als zentraleuropäische Barockpferde hervortreten.

Der Begriff „Barockpferd“ beschreibt deshalb heute eher einen historischen und züchterischen Typ als eine gemeinsame biologische Rasse.

Das Geheimnis liegt in der Reitkunst

Vielleicht ist genau das die spannendste Gemeinsamkeit.

Die Menschen wollten nicht einfach ein schönes Pferd.

Sie wollten ein Pferd, das mit ihnen zusammenarbeiten konnte.

Ein Pferd, das sich aufrichten, wenden, versammeln und auf feinste Hilfen reagieren konnte. Ein Pferd, das Kraft und Eleganz miteinander verband. Die Pferde wurden deshalb nicht nur nach ihrem Aussehen ausgewählt. Ihre Eignung für die Reitkunst war ein entscheidendes Zuchtziel.

Und hier schließt sich der Kreis: Vom nordafrikanischen Berber über die iberischen Pferde bis zum spanischen Pferd an den Habsburgerhöfen und schließlich zum Lipizzaner oder Kladruber führt eine lange Entwicklungslinie.

Keine Rasse ist eine Insel

Wer heute einen Lipizzaner, Lusitano oder PRE betrachtet, sieht eine klar definierte Rasse. Doch hinter jedem dieser Pferde steht eine viel ältere Geschichte.

Pferde wurden über Grenzen hinweg gehandelt, verschenkt, erbeutet, importiert und gezielt miteinander verpaart. Herrscher ließen Pferde aus anderen Ländern kommen, weil sie bestimmte Eigenschaften verbessern wollten.

Die aktuelle Genomforschung macht diese Geschichte sichtbar.

Sie zeigt, dass die heutigen Barockpferde trotz ihrer klaren Rassenzugehörigkeit ein gemeinsames historisches Erbe besitzen. Gleichzeitig haben sich die einzelnen Rassen über Jahrhunderte so weit entwickelt, dass sie heute genetisch unterscheidbar sind.

Vom Kriegspferd zum Pferd der Reitkunst

Vielleicht liegt darin die eigentliche Geschichte der Barockpferde. Sie entstanden nicht, weil jemand eines Tages beschloss, ein „Barockpferd“ zu züchten. Sie entstanden, weil Menschen über Jahrhunderte nach dem idealen Pferd suchten.

Für den Krieg.

Für die Jagd.

Für die Parade.

Für die Kutsche.

Und schließlich für die hohe Kunst des Reitens.

Aus diesen unterschiedlichen Anforderungen entstanden Pferde, die heute zu den faszinierendsten Vertretern der europäischen Pferdezucht gehören.

Der Lipizzaner, der Andalusier, der Lusitano, der Kladruber und ihre Verwandten sind deshalb mehr als schöne Barockpferde. Sie sind lebendige Geschichte.

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