Godolphin Arabian oder Godolphin Barb? Die genaue Herkunft des legendären Hengstes ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Sicher ist jedoch seine Bedeutung für die Vollblutzucht: Über seine Nachkommen Cade und Matchem entstand eine der drei großen männlichen Linien des Englischen Vollbluts. / Abb. vom Künstler George Stubbs (1724–1806)

Godolphin Arabian – Ein Hengst mit zwei Namen

4. Oktober 2026

Godolphin Arabian – dieser Name ist in der Geschichte der Pferdezucht unvergessen. Doch wer sich näher mit diesem Hengst beschäftigt, stößt schnell auf ein Rätsel:

War er ein Araber oder ein Berber?

Denn neben „Godolphin Arabian“ findet sich immer wieder die Bezeichnung Godolphin Barb. Und tatsächlich ist seine genaue Herkunft bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Was dagegen feststeht, ist seine Bedeutung. Der Godolphin Arabian gehört neben Darley Arabian und Byerley Turk zu den drei Hengsten, deren männliche Linien die Geschichte des Englischen Vollbluts entscheidend geprägt haben. Seine Geschichte beginnt jedoch lange bevor sein Name mit der englischen Vollblutzucht verbunden wurde.

Woher kam der Godolphin Arabian?

Als Geburtsjahr wird meist etwa 1724 angegeben. Schon bei seiner Herkunft wird es allerdings schwierig. Ältere Quellen berichten, der Hengst sei aus Barbary, also Nordafrika, nach Europa gekommen. Andere Überlieferungen bringen ihn mit dem arabischen Raum in Verbindung. Auch eine Herkunft aus dem Jemen wurde später erzählt. Eine eindeutige historische Beweiskette gibt es dafür nicht.

Die Encyclopaedia Britannica von 1911 bezeichnete ihn ausdrücklich als Barb und schrieb, er sei wahrscheinlich um 1724 in „Barbary“ geboren worden. Gleichzeitig war er allgemein als „Godolphin Arabian“ bekannt. (Wikisource) Deshalb ist es für einen heutigen Artikel am saubersten, beide Bezeichnungen zu verwenden: Godolphin Arabian – oder Godolphin Barb?

Der Weg nach England

Auch über seinen Weg nach England gibt es unterschiedliche Überlieferungen. Nach der bekannten Geschichte gelangte der Hengst zunächst nach Frankreich. Dort soll er wenig Beachtung gefunden haben. Später kam er nach England und in den Besitz des Pferdezüchters Edward Coke. Coke stellte ihn in seinem Gestüt in Derbyshire auf. Und dort spielte der Hengst zunächst eine eher unspektakuläre Rolle. Er wurde als Teaser eingesetzt. Das klingt heute ungewöhnlich, war damals aber eine ganz normale Aufgabe eines Hengstes: Ein Teaser wurde eingesetzt, um eine Stute auf ihre Paarungsbereitschaft zu prüfen, bevor sie dem eigentlichen Deckhengst zugeführt wurde. Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, welche Bedeutung dieser kleine, auffällige Hengst noch bekommen würde.

Roxana – die Stute, die alles veränderte

Hier beginnt eine der spannendsten Geschichten der Vollblutzucht. Die Stute hieß Roxana.

Sie wurde etwa 1718 geboren und stammte vom Hengst Bald Galloway ab. Die historische Encyclopaedia Britannica bezeichnet sie als eine der Stuten, die besonders großen Einfluss auf die Entwicklung des englischen Rennpferdes hatten. (Wikisource) Im Jahr 1731 sollte Roxana von dem Hengst Hobgoblin gedeckt werden. Doch Hobgoblin deckte sie nicht. Der Godolphin Arabian war zu diesem Zeitpunkt noch im Besitz von Edward Coke und wurde als Teaser eingesetzt. So kam es schließlich zur Paarung von Roxana und dem Godolphin Arabian. Das Ergebnis war ein Hengstfohlen: Lath. Er wurde 1732 geboren. (Wikisource) Und damit begann der Aufstieg der Godolphin-Linie.

Lath – der erste große Sohn

Lath entwickelte sich zu einem außergewöhnlichen Rennpferd. Er gewann bedeutende Rennen und galt zu seiner Zeit als eines der herausragenden Rennpferde Englands. Timeform beschreibt ihn als einen der besten Läufer des Godolphin Arabian. (timeform.com) Doch Lath sollte nicht der wichtigste Sohn seines Vaters werden. Diese Rolle übernahm später sein Vollbruder: Cade.

Ein Besitzerwechsel mit Folgen

Im Jahr 1733 starb Edward Coke. Seine Pferde wurden anschließend auf verschiedene Besitzer verteilt. Der Godolphin Arabian gelangte zunächst zu Roger Williams und schließlich zu Francis Godolphin, 2. Earl of Godolphin. Dort stand der Hengst fortan im Gestüt des Earls in Cambridgeshire. (Wikisource) Erst jetzt erhielt der Hengst den Namen, unter dem er berühmt werden sollte: Godolphin Arabian.

Doch seine Geschichte mit Roxana war noch nicht beendet.

Cade – Roxanas zweiter Sohn vom Godolphin Arabian

Im Jahr 1734 brachte Roxana erneut ein Fohlen vom Godolphin Arabian zur Welt. Es war ein Hengst. Sein Name: Cade.

Cade war der Vollbruder von Lath. Doch die Geschichte begann tragisch. Roxana starb kurz nach der Geburt. Der kleine Cade war damit verwaist und musste mit Kuhmilch aufgezogen werden. Die historische Encyclopaedia Britannica berichtet, dass Roxana innerhalb von zwei Wochen nach dem Abfohlen starb und Cade mit Kuhmilch aufgezogen wurde. (Wikisource)

Vielleicht ist gerade diese Episode eine der schönsten Geschichten in der gesamten Biografie des Godolphin Arabian. Denn aus dem kleinen Waisenfohlen sollte später ein bedeutender Zuchthengst werden.

Cade – nicht der größte Rennstar, aber ein großer Vererber

Cade war selbst als Rennpferd weniger bedeutend als sein Bruder Lath. Doch in der Zucht entwickelte er eine enorme Bedeutung. Er wurde zu einem erfolgreichen Deckhengst. Und dann kam sein Sohn: Matchem.

Damit nahm die Geschichte eine entscheidende Wendung.

Matchem – der Enkel, der die Linie rettete

Matchem wurde 1748 geboren. Er war ein Sohn von Cade und damit ein Enkel des Godolphin Arabian. Als Rennpferd war Matchem erfolgreich. Noch wichtiger wurde er jedoch als Zuchthengst. Über Matchem setzte sich die männliche Godolphin-Linie über Generationen fort. Timeform beschreibt Cade als den weniger bedeutenden Rennbruder von Lath, der sich dafür als der bessere Vererber erwies. Sein Sohn Matchem wurde schließlich zu einem besonders einflussreichen Zuchthengst. (timeform.com) Damit lässt sich die entscheidende Linie so darstellen:

Godolphin Arabian → Cade → Matchem

Einer von drei großen Stammvätern

Jetzt wird deutlich, warum der Godolphin Arabian in die Geschichte einging. Er war einer der drei Hengste, deren männliche Nachkommen zu den großen Linien des Englischen Vollbluts wurden:

  • Byerley Turk – Seine Linie führte unter anderem zu Herod.
  • Darley Arabian – Aus seiner Linie ging Eclipse hervor.
  • Godolphin Arabian – Seine Linie führte über Cade zu Matchem.

Diese drei Linien sind ein wichtiger Bestandteil der Geschichte des Englischen Vollbluts. Dabei darf man allerdings nicht den Eindruck erwecken, die Rasse sei ausschließlich aus diesen drei Hengsten entstanden. Die englischen Stutenlinien waren ebenfalls von großer Bedeutung. Die historische Encyclopaedia Britannica betont ausdrücklich den erheblichen Einfluss der englischen Mutterlinien. (Wikisource)

Arabian oder Barb – was stimmt nun?

Das ist wahrscheinlich die Frage, die sich Leser nach diesem Artikel stellen werden. Die ehrliche Antwort lautet:

Wir wissen es nicht mit letzter Sicherheit.

Der Hengst wurde über Jahrhunderte als Godolphin Arabian bezeichnet. Historische Quellen sahen ihn jedoch teilweise als Barb, also als nordafrikanisches Pferd. Die Bezeichnung „Godolphin Barb“ ist deshalb keineswegs neu. Bereits die Encyclopaedia Britannica von 1911 schrieb, der Hengst sei allgemein „Barb or Arabian“ genannt worden, hielt ihn aber mit großer Wahrscheinlichkeit für einen Berber. (Wikisource)

Für die moderne Darstellung ist deshalb Vorsicht angebracht. Wir sollten nicht schreiben:

„Der Godolphin Arabian war ein Araber.“

Sondern besser:

„Der als Godolphin Arabian bekannte Hengst wird je nach Quelle auch als Godolphin Barb bezeichnet. Seine genaue Herkunft und Rassezugehörigkeit sind nicht abschließend geklärt.“

Das ist weniger spektakulär – aber historisch sauber.

Die berühmte Geschichte vom Karren

Um den Godolphin Arabian rankt sich eine weitere berühmte Geschichte.

Er soll in Frankreich so wenig geschätzt worden sein, dass er sogar einen Karren durch die Straßen von Paris gezogen habe.

Diese Geschichte findet sich tatsächlich in älteren Quellen. Die Encyclopaedia Britannica von 1911 gibt sie wieder, weist aber zugleich darauf hin, dass die Information auf der Aussage eines französischen Informanten beruhte. (Wikisource)

Heute sollten wir sie deshalb nicht als gesicherte Tatsache präsentieren.

Besser ist:

Es gibt eine historische Überlieferung, nach der der Hengst in Frankreich zeitweise als Kutsch- oder Zugpferd eingesetzt worden sein soll.

Ob diese Episode tatsächlich so stattgefunden hat, lässt sich nicht sicher belegen.

Und vielleicht ist gerade das reizvoll.

Denn die Geschichte passt perfekt zum späteren Mythos:

Ein unscheinbarer Hengst wird unterschätzt – und wird schließlich zu einem der wichtigsten Zuchthengste der Pferdegeschichte.

Vom höfischen Pferd zum Rennpferd

Der Godolphin Arabian steht außerdem für einen interessanten Wandel in der europäischen Pferdewelt.

Im Barock spielte das Pferd an den europäischen Höfen eine zentrale Rolle.

  • Es ging um Reitkunst.
  • Um Eleganz.
  • Um Dressur.
  • Um die Ausbildung des Reiters.

Doch gleichzeitig entwickelte sich in England eine andere Pferdekultur.

Das Rennen wurde immer wichtiger.

Pferde wurden nicht mehr nur danach beurteilt, wie elegant sie sich unter dem Reiter bewegten. Ihre Geschwindigkeit wurde gemessen. Ihre Ausdauer wurde geprüft. Ihre Nachkommen wurden beobachtet. Und die besten Zuchttiere wurden gezielt weiterverwendet.

Der Godolphin Arabian steht genau an dieser Schnittstelle. Er gehört noch in die Welt des 18. Jahrhunderts – und weist gleichzeitig bereits in die moderne Rennpferdezucht.

Sein größtes Rennen gewann er als Zuchthengst

Der Godolphin Arabian selbst wurde nicht zum berühmtesten Rennpferd seiner Zeit. Sein Ruhm entstand vor allem durch seine Nachkommen. Er wurde mehrfach führender Vater erfolgreicher Rennpferde in Großbritannien und Irland. Timeform nennt ihn als führenden Vererber in mehreren Jahren und betont seinen Einfluss auf zahlreiche erfolgreiche Rennpferde. (timeform.com)

Seine Söhne Lath, Cade und Regulus wurden selbst bedeutende Pferde.

Besonders interessant ist Regulus.

Er blieb auf der Rennbahn ungeschlagen und wurde später ein mehrfacher führender Deckhengst. Außerdem war er der mütterliche Großvater des legendären Eclipse. (timeform.com)

Damit reicht der Einfluss des Godolphin Arabian sogar in eine weitere bedeutende Linie der Vollblutzucht hinein.

Der Tod des legendären Hengstes

Der Godolphin Arabian starb 1753.

Er soll ungefähr 29 Jahre alt geworden sein.

Sein Grab wird mit Wandlebury bei Cambridge in Verbindung gebracht. Dort erinnert bis heute ein Gedenkstein an den berühmten Hengst.

Damit endete das Leben eines Pferdes, dessen tatsächliche Bedeutung zu Lebzeiten vermutlich kaum abzusehen war.

Seine Gene aber lebten weiter.

Was bleibt?

Vielleicht ist es gerade die Mischung aus Fakten und offenen Fragen, die den Godolphin Arabian so faszinierend macht.

Wir wissen nicht mit letzter Sicherheit, ob er ein Araber oder ein Berber war.

Wir wissen nicht, ob er tatsächlich einmal einen Karren durch Paris zog.

Aber wir wissen, dass er einer der bedeutendsten Stammväter des Englischen Vollbluts wurde.

Und wir kennen die Pferde, die seine Geschichte weitertrugen:

  • Roxana.
  • Lath.
  • Cade.
  • Matchem.

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus seiner Geschichte:

Ein berühmtes Pferd muss nicht unbedingt selbst große Rennen gewinnen oder spektakuläre Lektionen gehen.

Manchmal liegt seine Bedeutung darin, was es an die nächste Generation weitergibt.

 

Godolphin Arabian – kurz zusammengefasst

  • Name: Godolphin Arabian / Godolphin Barb
  • Geboren: vermutlich um 1724
  • Gestorben: 1753
  • Geschlecht: Hengst
  • Herkunft: nicht eindeutig geklärt
  • Besitzer in England: zunächst Edward Coke, später Francis Godolphin, 2. Earl of Godolphin
  • Bedeutende Stute: Roxana
  • Bedeutende Nachkommen: Lath, Cade, Regulus
  • Enkel: Matchem
  • Bedeutung: einer der drei großen männlichen Gründerlinien des Englischen Vollbluts
  • Die Linie:
      • Godolphin Arabian
      • Cade
      • Matchem

 

 

Quellen

  • Encyclopaedia Britannica, 1911: historische Angaben zu Roxana, Godolphin Arabian, Lath und Cade. (Wikisource)
  • Timeform: Geschichte der Godolphin-Linie und Bedeutung von Lath, Cade, Matchem und Regulus. (timeform.com)
  • National Trust: Geschichte der Familie Godolphin und des Anwesens Godolphin in Cornwall. (National Trust)

 

Teile den Beitrag!

Hat Dir der Artikel gefallen?
Dann bedanke Dich bei uns mit einer Tasse Kaffee!

Deine Spende, egal wie hoch, hilft das Du das Magazin weiterhin kostenlos lesen kannst!

Go to Top