M. de Pluvinel unterrichtet den zukünftigen König Ludwig XIII. mit dem Pferd Barbe Le Bonito / Historischer Kupferstich aus Pluvinels Reitlehrbuch

Antoine de Pluvinel und Bonite – Das berühmte Pferd des jungen Ludwig XIII.

18. August 2026

Ein schwieriges Pferd wird zum Star. Es gibt Pferde, die schon zu Lebzeiten berühmt werden.

Bonite war eines von ihnen.

Der Barbe lebte zu Beginn des 17. Jahrhunderts und wurde durch den französischen Reitmeister Antoine de Pluvinel bekannt. Seine Geschichte ist in Pluvinels berühmtem Reitbuch überliefert und gehört zu den spannendsten Pferdegeschichten der frühen Barockzeit. Denn Bonite galt zunächst als äußerst schwierig. Er soll ungeduldig gewesen sein, einen unsicheren Kopf gehabt haben und nur schwer zu kontrollieren gewesen sein. Selbst erfahrene Reiter kamen mit ihm nicht zurecht. Dann übernahm Pluvinel das Pferd. Und ausgerechnet dieses schwierige Pferd wurde später vor dem französischen Hof präsentiert.

Wer war Antoine de Pluvinel?

Antoine de Pluvinel wurde 1555 geboren und starb 1620. Er stammte aus der Dauphiné und wurde bereits als junger Mann nach Italien geschickt, um dort die Reitkunst zu erlernen. Dort studierte er unter anderem bei Giovanni Battista Pignatelli, einem bedeutenden Vertreter der neapolitanischen Reittradition. 1572 kehrte Pluvinel nach Frankreich zurück. Später wurde er erster Stallmeister des Herzogs von Anjou, des späteren Königs Heinrich III. Unter Heinrich IV. blieb er am Hof. Seine wichtigste Aufgabe sollte jedoch später die Ausbildung des jungen Ludwig XIII. werden. Pluvinel war nicht einfach nur dessen Reitlehrer. Er gehörte zum Umfeld des jungen Thronfolgers und wurde zu einem wichtigen Erzieher des zukünftigen Königs.

Ein Reitmeister mit ungewöhnlichen Ideen

Pluvinel hatte eine besondere Vorstellung davon, wie ein Pferd ausgebildet werden sollte. Er wollte nicht einfach Gehorsam erzwingen. Das Pferd sollte die Übungen verstehen und möglichst freiwillig ausführen. Das französische Kulturerbe-Portal überliefert als einen der bekanntesten Grundsätze seiner Reitkunst:

„Obliger le cheval à prendre plaisir à tout ce qu’il fait jusqu’à ce qu’il y aille librement.“

Sinngemäß:

Das Pferd soll Freude an dem entwickeln, was es tut, bis es die Aufgabe freiwillig und frei ausführt. (Cheval Patrimoine)

Für die damalige Zeit war diese Vorstellung bemerkenswert. Pluvinel setzte auf Geduld, eine sorgfältige Einwirkung und die Ausbildung des Pferdes über gymnastizierende Übungen.

Dann kam Bonite

In Pluvinels Werk wird eine besondere Geschichte über einen Barben namens Bonite erzählt. Das Pferd soll zunächst von Salomon de La Broue, einem der bedeutendsten französischen Reitmeister seiner Zeit, und vom Connétable de Montmorency geritten worden sein.

Doch beide sollen Schwierigkeiten mit ihm gehabt haben. Bonite wurde als ungeduldig und schwer zu kontrollieren beschrieben. Im Text wird sogar sinngemäß gesagt, dass man ihn für ungeeignet hielt, jemals wirklich gut geritten werden zu können. Dann nahm sich Pluvinel des Pferdes an. Seine erste Aufgabe bestand offenbar darin, eine bessere Verbindung zum Pferd herzustellen. In der Überlieferung heißt es, Pluvinel habe „seinen Kopf gewonnen“ und ihm eine sichere Unterstützung durch die Hand gegeben. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten.

Bonite zeigt, was in ihm steckt

Pluvinel stellte Bonite anschließend in Fontainebleau vor. Und dort zeigte das Pferd Lektionen, die für die damalige Zeit höchst anspruchsvoll waren. Es ging unter anderem um Courbetten – Sprünge, bei denen das Pferd sich aufrichtet und sich in einer stark versammelten Form vorwärts bewegt. Bonite konnte außerdem Bewegungen vorwärts, rückwärts und seitwärts ausführen. Besonders spektakulär muss eine Folge von Courbetten gewesen sein, die Pluvinel als „Sarabande des Bonite“ bezeichnete. Der Name erinnert an einen Tanz.

Das passt sehr gut zur höfischen Reitkunst dieser Zeit: Die Bewegungen des Pferdes sollten nicht nur technisch korrekt sein, sondern auch schön und eindrucksvoll wirken. Die Geschichte von Bonite ist in Pluvinels Werk so bedeutend, dass das Pferd dort ausführlich beschrieben wird. Und die Erinnerung an Bonite blieb nicht nur im Text erhalten.

Der Louvre besitzt einen um 1625 entstandenen Kupferstich mit dem Titel „Le Bonite“, der als Illustration zu Pluvinels Werk gehört. (arts-graphiques.louvre.fr)

Bonite wird zum Lehrpferd des zukünftigen Königs

Das wohl schönste Kapitel der Geschichte kommt danach. Pluvinel überließ Bonite dem jungen Ludwig XIII. Der zukünftige König sollte auf diesem Pferd weiter lernen. Damit wurde aus dem einst schwierigen Barben ein Lehrpferd des französischen Thronfolgers. Pluvinels Werk stellt Bonite sogar als außergewöhnlich gutes Pferd dar.

So wird erzählt, Pluvinel habe ihn dem jungen König gegeben, damit dieser auf dem „vollkommensten Pferd Europas“ lernen könne. (Wikipédia)

Ob diese Formulierung tatsächlich als objektive Einschätzung gemeint war oder Teil der höfischen Darstellung ist, lässt sich heute natürlich nicht mehr überprüfen. Aber sie zeigt, welchen Ruf Bonite inzwischen besaß.

Die Arbeit an den Pfosten

Eine wichtige Ausbildungsmethode Pluvinels waren die sogenannten Piliers. Der Begriff bedeutet wörtlich Pfosten. Dabei handelt es sich um eine historische Ausbildungsmethode, bei der das Pferd an einem einzelnen Pfosten oder zwischen zwei Pfosten gearbeitet wurde. Die Methode war allerdings keine Erfindung Pluvinels. Ihre Wurzeln liegen in der italienischen Reitkunst, die Pluvinel während seines Aufenthalts in Italien kennenlernte. Insbesondere wird sie mit der Reittradition um Giovanni Battista Pignatelli in Verbindung gebracht. Pluvinel übernahm diese Arbeitsweise und entwickelte bzw. verbreitete sie in Frankreich weiter. (Wikipédia)

  • Bei der Arbeit am einzelnen Pfosten konnte beispielsweise die Wendung und Beweglichkeit des Pferdes gymnastiziert werden.
  • Bei der Arbeit zwischen zwei Pfosten wurde das Pferd stärker auf Versammlung und bestimmte Bewegungen vorbereitet.

Das französische Kulturerbe-Portal schreibt Pluvinel die Verwendung des „pilier unique“, also des einzelnen Pfostens, und des „double pilier“, des Doppelpfostens, zu. Es beschreibt diese Arbeit als Vorbereitung auf Versammlung und die sogenannten Schulsprünge. (Cheval Patrimoine)

Für heutige Leser ist deshalb die Bezeichnung „Arbeit an bzw. zwischen den Pfosten“ verständlicher als das alleinstehende Wort „Pilieren“.

Pluvinel gründet eine Reitakademie

Pluvinels Einfluss beschränkte sich nicht auf den königlichen Hof. Bereits 1599 gründete er in Paris eine Reitakademie. Sie richtete sich vor allem an junge Adelige. Doch dort wurde nicht nur geritten.

Auf dem Lehrplan standen auch Fechten, Tanzen, Mathematik, Literatur, Poesie, Malerei und Musik. (Cheval Patrimoine)

Das zeigt, was ein gebildeter Adeliger damals können sollte. Reiten war Teil einer umfassenden Ausbildung. Der perfekte Reiter sollte nicht nur sein Pferd beherrschen, sondern auch seinen Körper, seine Sprache, seine Umgangsformen und seine geistigen Fähigkeiten.

Das Pferd zuerst verstehen

Pluvinels Gedanken wirken aus heutiger Sicht erstaunlich modern.

Er betrachtete das Pferd nicht nur als Sportgerät oder Transportmittel.

Er beschäftigte sich mit dessen Verhalten, seinen körperlichen Möglichkeiten und der Frage, wie man ein Pferd dazu bringen konnte, eine Bewegung freiwillig auszuführen.

In seinem Werk wird beispielsweise die Bedeutung von Geduld und Belohnung betont.

Das bedeutet allerdings nicht, dass seine Ausbildungsmethoden aus heutiger Sicht vollständig als „pferdefreundlich“ bezeichnet werden könnten. Pluvinel lebte in einer Zeit, in der andere Vorstellungen von Pferdeausbildung, Ausrüstung und Hilfsmitteln galten.

Trotzdem war sein Ansatz innerhalb seiner Zeit bemerkenswert.

„Das Pferd muss selber Freude an der Reitbahn haben, sonst wird dem Reiter nichts mit Anmut gelingen.“

„Wir sollten besorgt sein, das Pferd nicht zu verdrießen und seine natürliche Anmut zu erhalten, sie gleicht dem Blütenduft der Früchte, der niemals wiederkehrt, wenn er einmal verflogen ist.“

Ein Buch für einen König

Pluvinel arbeitete bis zu seinem Tod an seinem großen Reitwerk. Er selbst erlebte dessen endgültige Veröffentlichung jedoch nicht mehr. Er starb 1620. Eine erste, noch unvollständige Fassung erschien 1623 unter dem Titel „Le Maneige Royal“.

1625 folgte die überarbeitete und erweiterte Ausgabe:

„L’Instruction du Roy en l’exercice de monter à cheval“

Das Werk erschien unter Pluvinels Namen und wurde von seinem Freund und Schüler René de Menou de Charnizay herausgegeben. (Cour de France)

Die berühmten Kupferstiche stammen von Crispijn de Passe dem Jüngeren.

Sie machen das Buch heute zu einer außergewöhnlichen historischen Quelle.

Denn wir sehen dort nicht nur Text. Wir sehen:

  • Pferde.
  • Reiter.
  • Zäumungen.
  • Sättel.
  • Körperhaltungen.
  • Und Lektionen der damaligen Reitkunst.

Eine historische Momentaufnahme

Die Illustrationen sind für die Geschichte der klassischen Reitkunst besonders wertvoll. Das Pariser Musée Carnavalet beschreibt die Tafeln als Darstellungen, auf denen Pluvinel die Reitkunst Mitgliedern des Hofes vermittelt. Sie zeigen unter anderem die Arbeit an den Pfosten und verschiedene Lektionen. (Paris Musées) Damit bekommen wir einen seltenen Einblick in die Ausbildung am französischen Hof zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Und mittendrin finden wir immer wieder Bonite. Das Pferd wurde damit gewissermaßen zum vierbeinigen Darsteller einer der wichtigsten Reitlehren der frühen Barockzeit.

Was Bonite uns heute noch erzählen kann

Die Geschichte von Bonite ist auch deshalb so faszinierend, weil sie eine Frage aufwirft, die Reiter bis heute beschäftigt:

Was passiert, wenn ein Pferd nicht so funktioniert, wie wir es erwarten?

  • Ist es wirklich schwierig?
  • Ist es stur?
  • Ist es ungeeignet?

Oder wurde bisher einfach noch nicht der richtige Weg gefunden?

Natürlich können wir nach 400 Jahren nicht mehr überprüfen, wie Bonite tatsächlich war. Wir kennen ihn nur durch die Überlieferung Pluvinels und die späteren Darstellungen. Aber genau diese Überlieferung macht ihn interessant. Denn in Pluvinels Geschichte wird aus einem vermeintlich schwierigen Pferd ein außergewöhnlicher Lehrmeister.

Pluvinels Vermächtnis

Antoine de Pluvinel starb 1620. Doch seine Ideen überlebten ihn. Sein Werk wurde weitergelesen und mehrfach neu aufgelegt. Seine Reitakademie und seine Lehrmethoden gehören zu den wichtigen Stationen auf dem Weg zur französischen klassischen Reitkunst.

Einige Jahrzehnte später sollte mit François Robichon de La Guérinière ein weiterer großer französischer Reitmeister auftreten. Doch La Guérinière kam später.

Die Geschichte beginnt früher. Bei Antoine de Pluvinel. Und bei einem Pferd namens Bonite. Ein Pferd, das zunächst als schwierig galt – und schließlich vor dem französischen Hof Lektionen der Hohen Schule zeigte. Vielleicht liegt genau darin die schönste Geschichte dieses Pferdes:

Bonite wurde nicht dadurch berühmt, dass er von Anfang an perfekt war.

Er wurde berühmt, weil ein Reitmeister davon überzeugt war, dass mehr in ihm steckte.


Bonite – das berühmte Pferd im Überblick

Name: Bonite
Pferdetyp: Barbe
Zeit: frühes 17. Jahrhundert
Berühmter Reitmeister: Antoine de Pluvinel
Berühmter Zusammenhang: Ausbildung des jungen Ludwig XIII.
Besonderheit: galt zunächst als schwierig und kaum beherrschbar
Berühmte Lektionen: unter anderem Courbetten und Bewegungen der damaligen Hohen Schule
Überlieferung: vor allem durch Pluvinels L’Instruction du Roy en l’exercice de monter à cheval
Historische Darstellung: Kupferstich „Le Bonite“, um 1625, Musée du Louvre

 

Quellen

  • Ministère de la Culture – Le cheval et ses patrimoines: Antoine de Pluvinel. (Cheval Patrimoine)
  • Musée du Louvre, Département des Arts graphiques: Le Bonite, Crispijn II de Passe, um 1625. (arts-graphiques.louvre.fr)
  • Paris Musées / Musée Carnavalet: historische Tafeln aus L’Instruction du Roy. (Paris Musées)
  • Denise Carabin: „Deux institutions de gentilshommes sous Louis XIII: Le Gentilhomme de Pasquier et L’Instruction du Roy de Pluvinel“, Dix-septième siècle, 2003. (Cour de France)
  • Bibliothèque Mondiale du Cheval: Biobibliographie Antoine de Pluvinel. (labibliothequemondialeducheval.org)
  • Antoine de Pluvinel: L’Instruction du Roy en l’exercice de monter à cheval, Ausgabe 1625. (Biodiversity Heritage Library)

 

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