
Vertikal – oder die Suche nach dem Gleichgewicht
23. September 2019
Ausbildung | Vertikal 1 von Manuel Jorge de Oliveira | Christina Wunderlich + Christina Däubler-Vogelgsang
Die Escola de Equitação ist weit mehr als nur eine Reitschule, sie verdient durchaus die Bezeichnung „Lebensschule“. Denn der Unterricht fi ndet nicht nur in der Reithalle statt, ein ganz wichtiger Bestandteil eines Escola-Tages ist die morgendliche und abendliche „Stüberlrunde“. Morgens offenbart jeder Teilnehmer, was für ihn am Vortag „the most important, touching and inspiring“ war, also was für ihn wichtig, berührend und inspirierend war. Oft ist es nur eine Sache, die alle drei Kategorien erfüllt, aber genauso oft fi nden die Teilnehmer ein Puzzlestück für jede Kategorie.
Das sind sehr persönliche Momente und Gedanken, die da ausgetauscht werden und nicht selten fließt die eine oder andere Träne. In diesem Austausch in der Gruppe zeigt Manuel Jorge de Oliveira häufig, was für ein Philosoph in ihm steckt. Er gibt Lebensweisheiten preis, die einen jeden von uns zum Nachdenken bringen, die immer wieder kleine Kugeln ins Rollen bringen, die manchmal zu größeren Kugeln werden.
„Vertikal 1“ umfasst sowohl die fachlichen Aspekte des Unterrichts in der Reithalle als auch den philosophischen Teil der „Stüberlrunden“, welche in farbig abgehobenen Exkursen ansprechend dargestellt werden, in zentrale Themen unterteilt. Als Auszug haben wir in der Piaffe deshalb auch für Sie den Exkurs „Pferdegesundheit“ gewählt. Weitere Themen sind zum Beispiel „Know your history“, „Lebensschule Reitkunst“, „Freiheit“, „Leckerli“ und viele spannende Themen mehr. Natürlich kommt auch der Fachtext nicht zu kurz.
„Vertikal 1“ geht wirklich ins Detail – beginnend mit der Exterieurbeurteilung des Pferdes, über die Ausbildung des Pferdes am Boden bis hin zum gerittenen Pferd. Genau wie in Manuel Jorges Unterricht wird ein starker Schwerpunkt auf Präzision gelegt, denn die ist in unserer heutigen Zeit definitiv verloren gegangen. Egal wo ich als Reitlehrerin hinkomme oder woher die Leute zu mir kommen – keiner von meinen Reitschülern konnte zu Beginn eine korrekte Ecke reiten, geschweige denn geradeaus ohne am inneren Zügel zu hängen. Das klingt banal, aber das waren alles Leute, die schon seit Jahren ein Pferd besitzen und reiten, keine Anfänger. Oft spielen sich erste Reitstunden mit mir nur im Schritt ab, da es dauert, bis die Reiter beginnen, wieder präzise und streng mit sich selbst zu sein.
Die natürliche horizontale Balance des Pferdes ergibt gemeinsam mit der durch den Reiter eingeführten vertikalen Balance das totale, perfekte Gleichgewicht.
Pferd und Reiter erscheinen als Eins, das Pferd ist rund und geschlossen und kann jede Bewegung auf Geheiß des Reiters ausführen.
Mut zur Demut! Demut in der Reiterei bedeutet, dem Pferd ergeben zu sein, in jeder Sekunde danach zu suchen, was das Pferd braucht und nicht ehrgeizig nach dem Erlangen dieser oder jener Lektion oder der nächsten Goldmedaille zu streben. Auch zeigt sich diese Demut in präziser Linienführung, präziser Ausführung von Übungen in dem genauen Bewusstsein, warum eben diese Lektion jetzt nötig ist, um das Pferd seinem Körper entsprechend zu gymnastizieren, leichter zu machen und näher ans Gleichgewicht zu bringen. Dazu gehört Mut, denn in diesem Haifischbecken der Reiterei heutzutage sich dem so hinzugeben, ohne Eitelkeit und Ego ist eine Schule für die eigene Persönlichkeit. Genau diesen Mut zur Präzision versucht „Vertikal 1“ seinen Lesern zu lehren.
Sicherlich sind Sie schon stutzig geworden. Warum der Titel „Vertikal“? Warum nicht „Prinzipien der Pferdeausbildung“ oder „Reitkunst“ oder Ähnliches? Warum wählt man so einen, so scheint es zunächst, abstrakten Begriff als Titel eines Pferdebuches? Dabei trifft es vertikal genau auf den Punkt. Die höchste Form der Reitkunst ist die wahre Einheit mit dem Pferd, ein Verschmelzen zweier Lebewesen, sodass es wirkt, als wären sie eins. Eine solche Einheit kann nur entstehen, wenn sich diese beiden Lebewesen im absoluten Gleichgewicht befinden. Das ist der Grund, warum Manuel Jorge de Oliveira, wenn er ein Pferd reitet, immer auf der Suche nach dem Gleichgewicht ist, in jeder Sekunde, die er reitet, geht es ihm nur darum. Sein Ziel sind nicht die Lektionen, diese sind Begleiterscheinungen und dienen als Mittel zum Zweck, aber sein Ziel ist das Gleichgewicht, die absolute Einheit mit dem Pferd. Wenn Manuel Jorge es findet, dann kann er mit einem Pferd alles machen, egal wie schwierig es auch sein mag.
„Riding is to prepare the horse.“
Stellen Sie sich das Lebewesen Pferd einmal in seinem natürlichen Umfeld vor. Es ist ein Steppentier, das sich auf Nahrungssuche permanent auf vier Beinen vorwärts bewegt. In seiner Herde muss es sich mit seinen Artgenossen auseinandersetzen. Manchmal muss es vor einem Angreifer flüchten. Es lebt also von Natur aus im horizontalen Gleichgewicht, alle diese vorgenannten Tätigkeiten finden auf der horizontalen Ebene statt. Nun stellen Sie sich den Mensch vor. Er geht auf zwei Beinen, also aufrecht. Seine Auseinandersetzungen im Leben drehen sich nicht nur um Futter und Fortpflanzung, sondern um Ziele im Leben, Entwicklung und intellektuelle Bedürfnisse. Allein schon durch den aufrechten Gang befindet er sich eher im vertikalen Gleichgewicht.
Beide befinden sich also in einem Extrem und brauchen das andere Extrem, um in ein wahres Gleichgewicht zu kommen, nämlich dem perfekten Gleichgewicht zwischen Horizontalität und Vertikalität. Das Pferd braucht den Menschen als Ausdruck der Vertikalen dafür und der Mensch das Pferd. Im perfekten Gleichgewicht entsteht dadurch die Rundung und ein Energiekreis, in dem sich Pferd und Reiter befi nden. Wahre Reitkunst schenkt Energie und raubt sie nicht.
„A round horse is alwaysalso a relaxed horse.“
Was ist nun nötig, um diese äußerst abstrakt wirkenden Definitionen und Ziele zu erfüllen und zu erreichen? Dies soll „Vertikal 1 – 3“ Ihnen näherbringen. Es ist ein langer Weg, der von der Mobilisation über die Versammlung das Gleichgewicht zu erreichen sucht. Sicherlich muss man sich für diese wahre Reitkunst erst öffnen. Um einen rum versuchen ja schließlich 90 Prozent der Reiter die Pferde in irgendwelche Schablonen zu pressen, Geschwindigkeitsrekorde im Arbeitstrab zu brechen und vergessen dabei, dass und warum ihre Reitbahn eigentlich Ecken hat. Schämen Sie sich nicht für Ihre Suche nach mehr, für Ihren Hunger nach Wahrheit. Und zweifeln Sie nie an einem Gefühl, dass Sie haben, Sie haben es nicht umsonst. Wenn Sie spüren, da kann doch etwas nicht stimmen mit dieser weit verbreiteten Art der Reiterei, dann vertrauen Sie darauf und gehen Sie Ihren Weg. Ihr Pferd wird es Ihnen danken. Und Sie werden merken, dass Sie ganz Sie selbst bleiben dürfen. Wahre Reitkunst ist keine Methode, sondern folgt dem Gleichgewicht. So viel wie das Pferd und der Reiter im Hier und Jetzt geben können.
„Never doubt. The doubt kills the truth.“
Vertikal – der höchste Ausdruck der Vertikalität ist natürlich die (korrekte) Piaffe. Das Pferd entwickelt hier alle Energie, die es normalerweise horizontal nach vorne nutzen würde, nach oben, in einer senkrechten Linie zum Himmel. Am Ende ist doch alles ein Energiefluss, unsere Verbindungen zueinander, mit der Erde, mit den Tieren.
„You have to compete with yourself, not with another rider. You cannot imitate another person, you have to develop your own world.“
„The hand kills, the leg creates – we ride always between life and death.“
Und Manuel Jorge de Oliveira weiß, dass das Pferd unsere Chance auf eine Verbindung zum Himmel oder nennen Sie es zu einer höheren geistigen Ebene ist. Man kann es fühlen, wenn man mit seinem Pferd wirklich im Gleichgewicht ist, dann wird dieser Energiefl uss, diese Verbindung nach oben spürbar. Es ist wie in einer tiefen Meditation. Und am Ende formt uns die Reiterei auch als Mensch, sie ist Ausdruck unserer Menschlichkeit, wie jede Kunstform ein Ausdruck unseres Menschseins ist. Seien Sie also gespannt auf ein Buch, das alle Tabus bricht und einfach von Grund auf ehrlich ist mit Ihnen, mit dem Pferd und mit der Reiterei.
Christina Wunderlich
ÜBER DIE ENTSTEHUNG VON „VERTIKAL 1“
Eine würdige Buchform und einen passenden Rahmen für dieses lebendige Kunstwerk „Escola de Equitação“ mitten in seiner Entstehungsphase zu finden, erschien uns lange Zeit fast unmöglich und wir tappten monatelang buchstäblich im Nebel. 20 Akteure sind daran beteiligt: Meister Manuel Jorge de Oliveira, Organisatorin Isabella Sonntag, wir beide und die anderen 16 Schüler der ersten beiden Ausbildungsgruppen – und jeder für sich prägt das Gesamte auf seine persönliche, sehr individuelle Weise. Die Escola lebt den Augenblick. Nie wissen die Schüler im Voraus, was auf sie zukommt. Weder die genauen, geplanten Inhalte eines Ausbildungsblocks, noch was am selben Tag die konkrete Aufgabenstellung sein wird. Manuel ist der Überzeugung, dass wir in erster Linie lernen sollen, uns auf den Moment einzulassen und so verfolgt er konsequent seinen Ausbildungsplan für uns, aber er möchte nicht, dass wir uns vorbereiten. Wir sollen zwar unsere Hausaufgaben täglich zu Hause mit großer Geduld und Präzision mit unseren Pferden üben, aber wir sollen ausdrücklich nicht vorgreifen. Oft verstehen wir auch erst im Nachhinein, warum exakt diese Lektion für Manuel in genau diesem Moment so wichtig war. Und genau das möchte er: dass wir uns Schritt für Schritt unseren Weg zur Reitkunst erarbeiten und dadurch wirklich „the hierarchy of the exercises“ – für ihn die Essenz der Pferdeausbildung – verstehen lernen!
Im Nachhinein und gegen Ende des ersten Ausbildungsjahres reiht sich Lektion an Lektion, wie ein Mosaikstein an den anderen, oder wie Perlen an einer Schnur und der Weg für Pferd und Reiter wird klar und logisch: die Inhaltsangabe und die Kapitel von „Vertikal 1“, über die wir so lange gebrütet hatten, ergaben sich plötzlich ganz natürlich und wie von selbst. Wir hätten uns gar keine so großen Gedanken und Sorgen machen müssen:
„It is all a question of trust in the process“.
Christina Däubler-Vogelgsang
„Vertikal 1“ (die Red. – das Buch zur Escola de equitação, 1. Ausbildungsjahr) umfasst sowohl die fachlichen Aspekte des Unterrichts in der Reithalle als auch den philosophischen Teil der „Stüberlrunden“, welche in farbig abgehobenen Exkursen ansprechend.
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