
Lipizzanerhengst Maestoso Erdem und Simone Howard / Foto Quelle: ursprünglich auf Flickr gepostet als Matters Equestrian
Weiße Lipizzaner in Südafrika: Eine lebendige Brücke zwischen Geschichte, Kunst und Publikum
21. Juli 2026
Kyalami, Johannesburg – Im SA Lipizzaner Centre in Gauteng öffnet sich jeden Sonntagmorgen eine Tür in eine längst vergessene Welt der Zucht, der Ausbildung und der majestätischen Eleganz europäischer Pferderassen. Die weißen Lipizzaner, eine Pferdegattung mit über 450 Jahren Geschichte, ziehen seit Jahrzehnten ein begeistertes Publikum in ihren Bann – besonders Pluto Odaliska, ein Hengst aus dieser berühmten Linie, dessen Auftritte im Jahr 2019 in Südafrika zu einem regionalen Medienereignis wurden.
Die Wurzeln der Lipizzaner im SA Lipizzaner Centre gehen tief in den historischen Kontext mit zwei osteuropäischen Kriegsflüchtlingen zurück. Graf Elemér Jankovich-Bésán de Pribér aus Ungarn und George Iwanowski aus Polen bauten nach dem Zweiten Weltkrieg in Südafrika eine neue Heimat für eine der elegantesten Pferderassen Europas auf. Ihre Vision war es, einen einzigartigen Genpool zu sichern, der europäische Lipizzaner-Gestüte verbindet und in Südafrika eine Bühne für High-School-Reitkunst bietet – die hohe Schule, die in Wien an der Spanischen Hofreitschule kultiviert wird.
Die Geschichte des Zucht- und Reitzentrums liest sich zugleich wie ein Abenteuerroman. Während des Krieges sah sich Graf Jankovich-Bésán 1944 einer drohenden Invasion in Ungarn gegenüber. Um seine Pferde – kulturell, finanziell und genetisch von unschätzbarem Wert – zu schützen, entwickelte er einen mutigen Plan: Die Pferde an Wagen und Kutschen zu binden, sie durch Schnee und Frost zu führen, um schließlich über Großbritannien und später per Boot nach Südafrika zu gelangen. Nach einem Zwischenstopp in Durban 1948 begann in Mooi River, KwaZulu-Natal, das neue Kapitel der Lipizzaner-Zucht in Südafrika.
Ebenfalls in Südafrika trat Major George Iwanowski auf den Plan, ein ehemaliger Kavallerieoffizier der polnischen Armee. Auf einem Höhepunkt der Begegnungen auf der Königlichen Landwirtschaftsausstellung in Pietermaritzburg erhielt er das Angebot eines Lipizzaner-Hengstes namens Maestoso Erdem. In Iwanowskis Memoiren, „The White Stallions of Kyalami“, schildert er eindrucksvoll die besondere Bindung zu diesem Pferd: „Maestoso Erdem war drei Jahre alt, schmutzig-grau, aber in seinen großen, intelligenten Augen lag eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Unsere Beziehung war das Fundament des Lipizzaner-Teams.“ Aus dieser initialen Partnerschaft wuchs ein Team, das schließlich die Grundlage für eine Serie von Vorführungen und eine eigene Indoor-Schule schuf – die Geburtsstunde des SA Lipizzaner Centre.
1969 wurde die erste Indoor-Reitschule in Südafrika errichtet – ein historischer Meilenstein, der dem Zentrum eine feste Heimat gab. Zwei Jahre später eröffnete die damalige Führung die ersten regelmäßigen Sonntagsvorstellungen der Lipizzaner, eröffnet von Colonel Handler, dem damaligen Oberst der Spanischen Hofreitschule in Wien. Seitdem zieht die Hochschule-Reitkunst der Lipizzaner sowohl heimische als auch internationale Besucher an, die Zeugen einer jahrhundertealten Tradition werden möchten.
Heute steht Pluto Odaliska im Zentrum der öffentlichen Bewunderung. Der imposante Hengst ist der Publikumsliebling der Anlage und fasziniert mit seiner imposanten Präsenz, seinem tänzerischen Charakter und einer Persönlichkeit, die so groß ist wie seine Bewegungen. Pluto Odaliska demonstriert regelmäßig die berühmte Pesade – eine Muskelkraft und Balance, die einst für militärische Sichtlinien auf dem Schlachtfeld entwickelt wurde – sowie Quadrat- und Pas-de-Deux-Darbietungen, die das Publikum in Staunen versetzen. Das Zentrum beherbergt derzeit sechunddreißig Hengste, die unter der sorgfältigen Aufsicht eines engagierten Teams aus Reitern, Pflegern, Trainern, Management und leidenschaftlichen Fans gesund gepflegt und betreut werden.
Das SA Lipizzaner Centre ist mehr als eine Zuchtstätte; es ist ein gemeinnütziges Unternehmen mit dem Ziel, die Geschichte dieser seltenen Rasse zu bewahren und die Tradition des High-School-Reitens fortzuführen. Auf Spendenbasis und Patenschaften angewiesen, lebt das Zentrum von der Unterstützung der südafrikanischen Öffentlichkeit und jenseits davon von internationalen Bewunderern. Mit weltweit nur noch etwa 11.000 reinen Lipizzanern ist es eine außergewöhnliche Gelegenheit, diese majestätischen Pferde in der südlichsten Ecke des afrikanischen Kontinents in ihrer höchsten Leistungsform zu erleben.
Die Lipizzaner im SA Lipizzaner Centre sind lebendige Botschafter einer reichen europäischen Reitkultur, die sich über Kontinente hinweg fortsetzt. Pluto Odaliska und seine Mitstreiter beweisen jeden Sonntag aufs Neue, dass Mut, Stärke, Beweglichkeit und scharfe Intelligenz nicht nur Eigenschaften einer Rasse sind, sondern eine universelle Sprache der Harmonie zwischen Mensch und Pferd. Die Geschichte hinter der Geschichte – jener Weg von Ungarn über Polen nach Südafrika – verleiht den Vorführungen eine Tiefe, die weit über das sichtbare Spektakel hinausgeht.
Wenn Sie mehr über das Zentrum, die Pferde und künftige Vorstellungen erfahren möchten, empfiehlt es sich, dem Instagram-Kanal der FEI zu folgen, der eine Fülle an Bildern und Eindrücken bietet. Denn während die weißen Lipizzaner die Augen des Publikums fesseln, bleibt ihre Geschichte – von Kriegsflucht bis zur herzlichen Gegenwart – eine Momentaufnahme der Leidenschaft für eine der ältesten Reittraditionen der Welt.
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