„Die Capriole ist der höchste und vollkommenste von allen Sprüngen. Wenn das Pferd mit Vor- und Hinterhand gleich hoch in der Luft ist, so streicht es stark hinten aus, und die Hinterschenkel sind in diesem Augenblick nahe beisammen und es streckt sie viel als möglich aus.“ – François Robichon de la Guérinière: Ecole de cavalerie, 1783 / Kapriole von Ludwig Koch gemalt

Die Ausbildung des Pferdes in der Barockzeit

20. Juni 2026

In der Barockzeit war das Reiten nicht nur Kunst oder Sport, sondern vor allem ein Handwerk. Es ging darum, Pferde Schritt für Schritt so vorzubereiten, dass sie unter Last, in wechselnden Situationen und im jeweiligen Einsatz verlässlich blieben. Entsprechend blieb der Grundgedanke —ein Pferd auszubilden, das „dienen“ kann— zwar übergreifend erhalten, doch der Weg dorthin wurde als ein systematischer Aufbau verstanden: klare Grundlagen, kontrollierte Durchlässigkeit und erst darauf aufbauend „höhere“ Lektionen.

Vom Fundament: Schritt und Trab

Als Beginn galten meist Schritt und Trab. Diese Gangarten bildeten die Schule für Takt, Losgelassenheit und für eine geordnete Arbeit von Vorder- und Hinterhand. Erst wenn das Pferd in diesen Bereichen tragfähig, steuerbar und zuverlässig war, wurde die Ausbildung nach oben erweitert. Barockes Training setzte dabei stark auf Biegung und auf präzise geführte Bewegungsaufgaben, die die Formung des Pferdes schrittweise möglich machten.

Seitengänge als Grundlage für Biegung und Ordnung

Von dort führten Seitengänge in das Zentrum der Ausbildung. Sie dienten nicht nur der äußeren Form, sondern dem inneren Aufbau: Kopf und Hals sollten sich der Richtung anschließen, der Rumpf musste mitgenommen werden, und die Hinterhand sollte die Bewegung tragen, statt auszuweichen. So wurden Seitengänge zu einem technischen Werkzeug, mit dem das Pferd „in sich“ arbeitet—eine Voraussetzung für jede spätere Sammlung.

Piaffe und Schulsprünge: Sammlung als Motor

Besonders kennzeichnend ist die Bedeutung der Piaffe. Sie war mehr als eine Schaubewegung: In der barocken Logik galt sie als Grundlage für jene Lektionen, die Schub aus der Hinterhand, Sammlung und kontrollierte Aufrichtung verlangen. Aus dieser tragfähigen Arbeit heraus konnten weiterführende Schulsprünge entstehen, etwa Levade, Pesade, Courbette, Croupade und Kapriole. Entscheidend war dabei das Prinzip: Erst das Fundament in der Sammlung sichern, dann die höheren Formen darauf aufbauen.

Galopp: später integrierter Höhepunkt

Der Galopp wurde in der barocken Ausbildung üblicherweise nicht als erster Schwerpunkt behandelt. Vielmehr galt er als fortschreitender Schritt innerhalb eines bereits tragfähigen Ausbildungssystems. Erst wenn das Pferd in Haltung, Biegsamkeit und Versammlung so weit war, dass es den Galopp kontrolliert ausführen konnte, wurde er sinnvoll und „im Zusammenhang“ eingesetzt.

Entscheidender Wandel: Napoleons Zeit und das Ende der „alten“ Zweckmäßigkeit

Mit den Umwälzungen der napoleonischen Kriege verlor die barocke Reitkunst zunehmend ihre vorherrschende Stellung. Der Grund lag weniger in einem Bedeutungsverlust der Ausbildung an sich, sondern in veränderten Anforderungen: Auf den Schlachtfeldern Napoleons und in der Zeit danach war das kleinere, kompakte iberische Pferd nicht mehr in dem Maße gefragt wie zuvor.

Stattdessen griff man häufiger auf Mischungen aus hochblütigen Linien und schwereren Pferden zurück. Solche Pferde wurden vor allem als modernes Kriegs- und Transportgerät verstanden. Entscheidend waren dabei Eigenschaften wie Raumgriff und Vorwärtsdrang—Qualitäten, die die Kavallerie besonders benötigte, um feindliche Artillerie in schnellen, entschlossenen Angriffen zu überrennen.

Damit verschob sich auch das Bild vom „idealen“ Pferd. Das barock geprägte Pferd sollte Adel, Feuer und Temperament verkörpern und spiegelte damit stark den repräsentativen Anspruch des Adels wider. Das Kavalleriepferd der großen Entscheidungsszenen hingegen war vor allem auf Kadavergehorsam und auf Zähigkeit unter Druck angewiesen.

Gut ausgebildete und feinfühlige Pferde waren als „Kanonenfutter“ häufig weniger geeignet—nicht, weil sie nicht leistungsfähig gewesen wären, sondern weil sie zu teuer und zu wertvoll wirkten. Vorrang hatten daher Tiere, die in einem herdentriebartigen Galopp praktisch nicht zu stoppen waren. So traten die feinsten Hilfen, enge Wendungen und besonders anspruchsvolle Handarbeit mehr und mehr hinter Anforderungen nach BeschleunigungGröße und sofortiger Einsatzfähigkeit zurück.

In der Folge wurde das „moderne“ Kavalleriepferd das barock geprägte Ideal zunehmend aus der taktischen Kriegsführung verdrängen.

Dieser Wandel erklärt, warum sich auch der Ausbildungsfokus verschob: Wo das Pferd primär als Motor für Tempo und Masse gebraucht wurde, verloren jene Prinzipien an Gewicht, die in der barocken Welt vor allem auf minutiösen Bewegungsaufbau, Präzision und feine Organisation der Arbeit zielten.

Fazit: Ein System—und ein Zweck

Die Ausbildung des barocken Reitpferdes lässt sich als stufenweiser Aufbau beschreiben:

  • Schritt und Trab als Fundament,
  • Biegung und Durchlässigkeit über Seitengänge,
  • Sammlung als tragfähiges Zentrum mit Piaffe,
  • darauf aufbauend Schulen und Schulsprünge,
  • sowie der Galopp als später, sinnvoll integrierter Abschluss.

Gleichzeitig zeigt der historische Blick: Welche Ausbildungsform sich durchsetzt, hängt nicht nur von Tradition ab, sondern davon, wofür das Pferd gebraucht wird. Sobald sich Einsatzart und Anforderungen verschieben, verändert sich zwangsläufig auch die Frage, welche Ausbildung als „richtig“ gilt.

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„Du triffst nicht auf ein Pferd zufällig. Es ist das Schicksal, das dich zu ihm führt.“

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