Abb. aus "Die Reitkunst im Bilde von Ludwig Koch"

Schulparade

7. Januar 2026

 Die Kunst der Hinterhand als Wegweiser in der Reitkunst der alten Meister

In der Welt der klassischen Reitkunst gilt die Schulparade als zentrale Übung, deren Zweck weit über reine Gehorsamkeit hinausgeht. Sie ist eine Aufforderung an das Pferd, die Hinterhand vermehrt zu beugen und damit eine gezielte Balance zwischen Hinter- und Vorderhand herzustellen. Die Übung zielt darauf ab, die Körpermechanik des Pferdes zu harmonisieren: Die Hinterhand wird in Lende, Hüfte, Knie- und Sprunggelenk gelockert, während der Brustkorb getragen wird und die Vorderhand sanft erhaben bleibt. Bildhaft lässt sich der Vorgang so vorstellen, dass das Pferd sich auf einen imaginären Stuhl setzt – eine Metapher, die der alten Lehre eine anschauliche Sinngebung gibt.

Die Wirkung der Hinterbeugung ist vielschichtig: Durch das vermehrte Beugen der Hinterhand hebt sich der Brustkorb, doch die Vorhand wird nicht primär angehoben; vielmehr senkt sich die Nachhand unter den Brustkorb, sodass Pferd und Reiter getragen werden. Die Führung des Brustkorbs beeinflusst die Erhebung der Vorderhand und verbessert die Arbeit von Schulter und Vordergliedmaßen. Entscheidend bleibt, dass die Vorderbeine den Boden berühren müssen, denn eine positive Gangentwicklung setzt eine stabile Grundausbildung voraus. Nur so lässt sich die Grundharmonie der Bewegung sicherstellen.

Eine zentrale Erkenntnis der alten Meister lautet, dass sich der Schwerpunkt des Pferdes verlagern muss – nicht die Hinterbeine bestimmen die Masse, sondern der Schwerpunkt verschiebt sich scharf nach hinten. Sobald die Vordergliedmaße weniger stützend wirken und die Hinterbeine stärker beitragen, gewinnen Schultergelenk und Vorhand an Freiheit. Diese Balanceentwicklung macht deutlich, warum eine Levade als fortgeschrittene Stufe der Schulparade gilt und grundgangartenfördernd ist, während eine Pesade, nah an einem senkrechten Steigen, nicht in dieselbe Entwicklungsstufe gehört.

Der Weg zur Schulparade ist kein Springen zum Endziel, sondern ein schrittweises Training. Die Übung beginnt beim stehenden Pferd: Mit korrekter Formgebung und behutsamer Hilfengebung wird die Reaktion des Pferdes allmählich geschult. Aus den formgebenden Paraden entwickeln sich durchlässige Bewegungen, zunächst Viertelparaden, dann Schulterherein und Kruppeherein. Erst wenn sich das Pferd gleichmäßig zwischen den Schulterblättern ausrichtet, kann die Parade weiter nach hinten geführt werden. Die Kunst liegt in feinen, widerstandsfreien Hilfen, die das Pferd dazu bringen, die Bewegung mit einer Leichtigkeit zu tragen – bis hinein Sprung- und Fesselgelenke.

Die Praxis zeigt: Die Schulparade fordert Geduld, Feingefühl und ein klares Verständnis der Anatomie. Sie bleibt eine Säule der klassischen Reitkunst, die Balance, Leichtigkeit und Harmonie als höchste Ziele setzt. Ausbildnerinnen und Ausbilder betonen, dass dieser Weg nicht nur eine Trainingsmethode ist, sondern eine philosophische Linie: Dem Pferd die Fähigkeit zu schenken, sich selbst und den Reiter getragen zu fühlen – Schritt für Schritt, Zentimeter für Zentimeter.

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„Du triffst nicht auf ein Pferd zufällig. Es ist das Schicksal, das dich zu ihm führt.“

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