Antoine-Henri-Philippe-Léon_d'Aure, Alte Meister der reitkunst, Hofreitschule News

Antoine Cartier Vicomte d’Auré – Ein Pionier der Reitkunst, der die Ausbildung von Pferden durch Empathie und Verständnis revolutionierte. / Foto: Wikipedia

Die alten Meister der Reitkunst

9. November 2025

Grundlagen, Zitate und Quellen

Die klassische Reitkunst steht auf den Schultern von Meistern, deren Lehren bis heute Maßstab für feines Reiten, gesunde Ausbildung und nachhaltige Gymnastizierung sind. Von Xenophon über Pluvinel und de la Guérinière bis Steinbrecht, Baucher und Seunig: Ihre Schriften verbinden Ethik, Biomechanik und Methodik zu einer Tradition, die auch in der modernen Hofreitschule lebendig bleibt. Nachfolgend ausgewählte Grundsätze – mit Originalzitaten und Quellenangaben.

1.) Xenophon (ca. 430–354 v. Chr.) – Ethik und Leichtigkeit

Kerngedanke: Ausbildung durch Milde, Verständnis der Natur des Pferdes, Freude an der Arbeit.
Zitat (dt.): „Was mit Gewalt geschieht, geschieht ohne Einsicht, und was ohne Einsicht geschieht, ist nicht schön.“
Quelle: Xenophon, „Περὶ ἱππικῆς / Über die Reitkunst“, Kap. 9; dt. in: Xenophon, Über die Reitkunst. Hrsg./Übers. U. Treu, Reclam, Stuttgart.

2.) Antoine de Pluvinel (1552–1620) – Dialogische Ausbildung

Kerngedanke: Sanfte Hilfen, Arbeit an der Säule, Fragen statt Zwingen.
Zitat (fr./dt.): „Il faut prier le cheval et non le contraindre.“ / „Man muss das Pferd bitten und nicht zwingen.“
Quelle: Antoine de Pluvinel, „L’Instruction du Roy en l’exercice de monter à cheval“, Paris 1623 (posthum).

3.) William Cavendish, Duke of Newcastle (1592–1676) – Kunst und Maß

Kerngedanke: Hohe Schulhaltung, Stil und Maß im Gebrauch der Hilfen.
Zitat (engl./dt.): „Make the horse ready and willing, then ask little and reward much.“ / „Mache das Pferd bereit und willig, dann fordere wenig und belohne viel.“
Quelle: William Cavendish, „A General System of Horsemanship“, London 1658.

4.) François Robichon de la Guérinière (1688–1751) – System und Schulternherein

Kerngedanke: Geraderichtung durch Biegung; Schulterherein als „Schlüssel zur ganzen Reitkunst“.
Zitat (fr./dt.): „L’épaule en dedans est la première et la dernière des leçons.“ / „Das Schulterherein ist die erste und die letzte Lektion.“
Quelle: F. R. de la Guérinière, „École de Cavalerie“, Paris 1733–1736.

5.) Gustav Steinbrecht (1808–1885) – Gymnastizierung und Zweckmäßigkeit

Kerngedanke: Das Pferd durch richtige Arbeit gesund erhalten; vom Leichten zum Schweren.
Zitat (dt.): „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade.“
Quelle: Gustav Steinbrecht, „Das Gymnasium des Pferdes“, 1886 (posthum), 2. Aufl. Berlin.

6.) François Baucher (1796–1873) – Ökonomie der Hilfen

Kerngedanke: Ökonomische, präzise Hilfengebung; spätere Lehre betont Leichtigkeit und Selbsthaltung.
Zitat (fr./dt.): „Main sans jambes, jambes sans main.“ / „Hand ohne Schenkel, Schenkel ohne Hand.“
Quelle: François Baucher, „Méthode d’équitation“, 2e manière, Paris 1842/1864.

7.) Alois Podhajsky (1898–1973) – Klassik in der Moderne

Kerngedanke: Kontinuität der klassischen Grundsätze in Ausbildung und Präsentation.
Zitat (dt./engl.): „Das höchste Ziel der Reitkunst ist die vollkommene Harmonie zwischen Reiter und Pferd.“ / „The highest aim of equitation is perfect harmony between rider and horse.“
Quelle: Alois Podhajsky, „Die klassische Reitkunst“, Wien/München 1965; „The Complete Training of Horse and Rider“, 1967.

8.) Waldemar Seunig (1887–1976) – Systematik und Takt

Kerngedanke: Ausbildungsskala als funktionales Prinzip; Bedeutung von Takt, Losgelassenheit, Anlehnung.
Zitat (dt.): „Takt ist die Mutter aller Dinge der Dressur.“
Quelle: Waldemar Seunig, „Von der Koppel bis zur Kapriole“, 1943/1949; spätere Ausgaben „Von der Koppel zur Kapriole“.

9.) Nuno Oliveira (1925–1989) – Kunst des Fühlens

Kerngedanke: Individuelle Begabung des Pferdes respektieren; feine Hilfen, musikalischer Takt.
Zitat (pt./fr./dt.): „Dem Pferd zuhören, es lesen, bevor man es schreibt.“ (sinngemäß: „Écouter le cheval, le lire avant de l’écrire.“)
Quelle: Nuno Oliveira, „Reflections on Equestrian Art“, 1965; „La nature du cheval“, diverse Notizbücher.

Kernaussagen für die Praxis

Ethik: Milde vor Zwang (Xenophon, Pluvinel).
System: Geraderichtung durch Biegung, Schulterherein als Schlüssel (Guérinière).
Gymnastik: Vorwärts und gerade, vom Leichten zum Schweren (Steinbrecht).
Ökonomie: Klare, nicht widersprechende Hilfen (Baucher).
Harmonie: Ziel ist Leichtigkeit und Selbsthaltung (Podhajsky, Oliveira).
Takt und Losgelassenheit: Fundament jeder weiteren Arbeit (Seunig).

Weiterführende Literatur

Xenophon: Über die Reitkunst. Reclam.
Pluvinel: L’Instruction du Roy. 1623. Faksimiles/Übersetzungen.
De la Guérinière: École de Cavalerie. Paris.
Steinbrecht: Das Gymnasium des Pferdes. FN-Verlag/Olms.
Baucher: Méthode d’équitation. Diverse Ausgaben.
Podhajsky: Die klassische Reitkunst. Pustet.
Seunig: Von der Koppel zur Kapriole. BLV/Paul Parey.
Oliveira: Reflections on Equestrian Art. J.A. Allen.

Hinweis: Orthografie und Wortlaut können je nach Ausgabe/Übersetzung leicht variieren. 

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„Du triffst nicht auf ein Pferd zufällig. Es ist das Schicksal, das dich zu ihm führt.“

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