Gemeinsamkeiten der Alten Reitmeister

4. Oktober 2022

Zu Zeiten der Renaissance und des Barock war die Reitkunst kein Sport, sondern vielmehr Kunst und  Wissenschaft. Die Kunst muss immer den Gesetzen der Natur folgen, da sie sonst künstlich und unbrauchbar würde, im schlechtesten Fall sogar schädlich. Auf die Pferdeausbildung bezogen bedeutet dies, dass man immer nur herausarbeiten, veredeln und abrufbar machen kann, was auch von Natur aus im Pferd schlummert und was es beim freien Spiel auch von selbst zeigen könnte. Lektionen wie Piaffe, Passage, Terre-à-terre, Pirouetten, Spanischer Schritt oder auch sämtliche Schulsprünge kann man alle in roher Form bei frei laufenden Pferden beobachten, meist eher bei Pferden mit viel Energie und ganz besonders bei Hengsten. Unnatürliche, künstliche Tricks sollte man den Tieren nicht abverlangen, um sich nicht an der Natur zu vergehen, denn das wäre meist nur mit Gewalt zu erzwingen und die Ausführung möglicherweise schädlich für das Pferd.

Es gibt Pferde, die sich ihrer eigenen Kraft und Möglichkeiten überhaupt nicht bewusst sind. Manchmal sieht ein Ausbilder in einem unausgebildeten Pferd diese schlummernden Talente, gleich einem Bildhauer, der in einem rohen Stein schon seine fertige Figur sieht und diese dann geduldig herausarbeitet. Aus diesen Pferden Bewegungen
und Schulen hervorzuholen, die sie sich zu Beginn niemals selbst zugetraut hätten, erfordert Jahre der durchdachten
Ausbildung, Geduld und Klugheit. Wichtig ist hierbei, dass der Ausbilder Erfahrung hat, da er sonst, sollte er in der Ausbildung zu schnell vorgehen oder sein Vorgehen nicht individuell auf das Pferd abstimmen, der Psyche des Pferdes großen Schaden zufügen kann.

Früher war man der Ansicht, dass keine andere Kunst so viel Ehre und Würde habe und so gut sei wie die Reiterei.

Dies zeigt uns, welchen Stellenwert der Reitkunst und den Pferden beigemessen wurde. Zur Zeit von Renaissance und Barock war es eine Selbstverständlichkeit, dass jeder junge Edelmann sich in der Reitkunst übte. Bezeichnend für diese Zeit war die Feingeistigkeit, das Streben nach Schönheit und Harmonie in allem, was man tat. Wie in der
Welt, so sei es auch in der Reitkunst: Gleichmaß und Harmonie sind schön, Unordnung und Zwang sind ohne Würde. Dieser Zeit entstammt auch der berühmte Begriff der Légèreté aus der französischen Reitkunst, die besonderen Wert auf künstlerischen Wert und Anmut legt.
Die meisten der Alten Reitmeister wollten sich nicht auf eine bestimmte Pferderasse für die Reitkunst festlegen. Man vertrat den modernen Ansatz, dass es nicht darauf ankomme, aus welchem Land ein Pferd stammt, sondern dass es individuell die besten Anlagen und Talente mitbringt.

Jede Rasse sei gut und talentiert auf ihre Art, es komme nur darauf an, zu welchem Zweck man ein Pferd suche.

Die Kriterien, nach denen damals ein Reitkunstpferd ausgesucht wurde, sind heute auch noch gültig: Gute Hufe sind äußerst wichtig, da man mit einem lahmenden, empfindlichen Pferd nicht arbeiten kann. Eine gute, hohe Kopfund
Halshaltung sollte von Natur aus vorhanden sein. Kurze Pferde sind am besten für die Dressur, da sie einfach zu versammeln sind – mit entsprechender Ausbildung kann sich allerdings auch ein langes Pferd genauso gut bewegen. Hier ist lediglich mehr Talent und Raffinesse seitens des Ausbilders gefragt. Extrem wichtig sind ein starker Rücken und eine starke Lende, da es von der Stärke der Lende abhängt, ob ein Pferd leicht oder schwer in der Hand ist.
Gemeint ist, dass ein Pferd mit schlechter Verbindung von Vor- und Hinterhand oder sehr horizontal gestellter Hüfte immer mehr Schwierigkeiten haben wird, sich auf der Hinterhand zu tragen.

Quelle: Alte Meister im Licht der Moderne / Julika Tabertshofer


Uber die Autorin

 

Julika Tabertshofer (*1993) hat sich ganz der Umsetzung der Ideale der alten Reitmeister verschrieben. Ihre Arbeit ist inspiriert von der Klassischen und der Akademischen Reitkunst. Nach ihrer Lehrzeit bei Bent Branderup und an der Anja-Beran-Stiftung für Klassische Reitkunst ist sie heute selbstständig als Ausbilderin in der Nähe von Köln tätig.

Nachdem sie ihre Reitlaufbahn in der Sport­reiterei und später im Westernreiten begonnen hatte, kam bald der Wunsch auf, mehr über Gymnastizierung und Versammlung zu lernen. So wandte Julika sich der klassischen Reitkunst zu und fand hier alle Mittel, um auch Pferden mit körperlichen Mängeln oder Verletzungen helfen zu können.

Auch dank eines persönlichen Faibles für Geschichte arbeitete sie Werke der alten und neueren Reitmeister durch, nahm Unterricht bei verschiedensten Ausbildern, beobachtete moderne Reitmeister bei der Arbeit und reiste durch die Welt, immer auf der Suche nach neuen Erkenntnissen über die Reitkunst. 

Die Ergebnisse, die sich mit der richtig angewendeten Reitkunst erzielen lassen, gerade auch im Hinblick auf alte Pferde und „Problempferde“, verblüfften die Autorin immer wieder und überzeugten sie restlos von ihrem Nutzen für das Pferd.

 

Mehr könnt ihr in ihrem Buch „Alte Meister im Licht der Moderne“ erfahren.

 

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